Forschung im Fränkischen Freilandmuseum

Kräuter-Apotheke

Durch die großzügige Schenkung von Ursula Förch, Tochter des Ermershausener Apothekers Rudolf Rothlauf, kamen im Jahr 2009 fast 250 Apotheken-Objekte in das Fränkische Freilandmuseum. Wesentlichen Anteil nimmt eine bedeutende Sammlung pflanzlicher, tierischer und mineralischer Substanzen ein, die bis in das 18. Jahrhundert zurückreicht. In der Fachsprache der Apotheker wird ein solcher Bestand als Drogensammlung bezeichnet und war für die Ausbildung unentbehrlich.

Ermershausen im Landkreis Haßberge ist die kleinste Gemeinde Unterfrankens und liegt an der Grenze zu Thüringen. Eine Apotheke ist in der Gemeinde seit 1843 belegt. In diesem Jahr erhielt der Apotheker Georg Michael Schmidt in Ebern die Bewilligung zur Errichtung einer Filialapotheke in Ermershausen. Die nachfolgenden Apotheker waren sein Bruder Ignatz Schmidt (1858), Karl Haefner (1873), August Heß (1882), Hans Beyerlein (1932) und schließlich Rudolf Rothlauf, der die Apotheke 1954 übernahm.


Einige pharmaziegeschichtlich besonders interessante Objekte wurden für eine genauere Untersuchung ausgewählt. Es sind Substanzen, deren Anwendung als Heilmittel wir heute als höchst ungewöhnlich empfinden. Nach dem damaligen medizinischen Verständnis galten sie allerdings als äußerst wirksam. Die bereits im Altertum geläufige Signaturenlehre, die auch von Paracelsus (1493 – 1541) vertreten wurde, besagte, dass die Natur ein Zeichen für die medizinische Verwendung gibt. Beispielsweise glaubte man, dass Stoffe mit roter Farbe eine Heilwirkung bei Blutungen zeigen. Dies ist der Hintergrund für die Verwendung von „Drachenblut“ (einem Harz des Drachenbaumes) als Adstringens (zusammenziehendes Mittel). Linsenförmige „Krebsaugen“ (Kalkgebilde aus dem Magen des Krebses) wurden bei Augenproblemen eingesetzt.

Eine der außergewöhnlichsten Drogen der Kräuter-Apotheke ist sicherlich die „Mumia“. Uns beschäftigte die Frage, ob es sich dabei um die Überreste eines einbalsamierten menschlichen Körpers oder um eine sogenannte „Mumia artefacta“, um eine aus typischen Mumienbestandteilen zusammengesetzte Substanz, handelt.
Die neben der Signaturenlehre als medizinische Theorie verbreitete Vier-Säfte-Lehre des Hippokrates (460 – 370 v. Chr.) und Galen (2. Jahrhundert n. Chr.) ordnete jedem der Bestandteile des Arzneischatzes verschiedene Qualitäten der Wärme und Feuchtigkeit zu. So soll die „Mumia“ die Eigenschaften warm und trocken besitzen. Entsprechend dieser Lehre ist sie dem Element des Feuers zuzuordnen und Adam Lonicer schreibt in seinem Kräuterbuch von 1737 unter Bezugnahme auf den persischen Arzt Avicenna, Mumia „habe eine sonderliche Eigenschafft, die lebhaffte Geister deß Menschen zu stärcken.“

Um den menschlichen Körper vor dem Verwesen zu bewahren, wurden die Toten im Alten Ägypten aufwändig einbalsamiert. Nach einer Entwässerung des Leichnams folgte eine Auffüllung der Körperhöhle und des Schädels mit einem Gemisch aus Harzen, Wachs, Ölen sowie Asphalt. Asphalt (Erdpech) ist eine schwarze, zähflüssige Substanz, die auf natürlichem Weg aus Erdöl entstanden ist. Er stammte beispielsweise aus dem Toten Meer wo er laut dem römisch-jüdischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius als „schwarze Asphaltklöße“ herumschwamm.
Die Masse verfestigte sich anschließend zu einer schwarzbraunen, teerartigen Substanz. Aufgrund des Asphalt- bzw. Bitumengehaltes der Mumien glaubte man an eine medizinische Wirkung. Bis ins 19. Jahrhundert war Naturasphalt zu Räucherungen gegen Rheumatismus, außerdem gegen Jucken, Ausschlag, Flechten, Gürtelrose und Nervenschmerzen sowie innerlich als krampfstillendes Mittel, bei Atemnot, Engegefühl in der Brust und Husten gebräuchlich.
Wegen der starken Nachfrage nach Mumien zu Arzneizwecken kam es in der Frühen Neuzeit zu einem regen Handel mit echten Mumien. Sie wurden aus Ägypten importiert, in den großen Messestädten wie Frankfurt oder Nürnberg verkauft und in den Apotheken verarbeitet. Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis aus dem Jahr 1902 bemerkt dazu: „Man hält die Mumie in Stücken und gepulvert vorräthig.“
Als Arzneimittel wurde Mumie vor allem in der Zeit der Renaissance und des Barock angewandt. Mumia vera sollte blutstillend und fiebersenkend wirken, sie war aber auch als Aphrodisiakum (Mittel zur Steigerung des sexuellen Verlangens) gefragt.
Mumie wurde in der Regel in Mischungen mit anderen Bestandteilen verwendet. Beispiele sind das im Württembergischen Arzneibuch von 1741 beschriebene Betonienpflaster, welches bei Kopfschmerzen angewandt wurde sowie das seit dem 16. Jahrhundert bekannte, oral einzunehmende Schlagpulver gegen Schlaganfall.
Das Darmstädter Pharmaunternehmen „Merck“ hat „Mumia vera ägyptica“ zuletzt 1924 angeboten. Ein Kilogramm kostete damals 12 Goldmark.

Neben echter Mumie waren auch Nachahmungen aus harzartigen, braunschwarzen Bruchstücken im Handel. Für diese „Mumia artefacta“ – und um eine solche handelt es sich bei der Bad Windsheimer Droge – standen ebenfalls Rezepte zur Verfügung. Sie enthalten neben Asphalt auch Weihrauch, Aloe und Kolophonium (Geigenharz).
Die früheren Lebensbedingungen der Menschen waren geprägt von schlechter Ernährung, harter körperlicher Beanspruchung, geringen Hygienebewusstseins, Infektionen im Kindbett, hoher Säuglingssterblichkeit und geringer Lebenserwartung. Die Drogensammlung als Auswahl von Grundstoffen für Arzneien zeigt sehr deutlich das Bemühen der Menschen Hilfe durch Arzneimittel besonderer Art zu finden.