Bilder Hausforschung, Möbel, Religiösität

Vom Behelfsheim zum Eigenheim

Haus- und Siedlungsbau am Rand fränkischer Dörfer 1943-1960

Neben dem 1949 gefertigten Stahlhaus wird im Fränkischen Freilandmuseum ab Herbst 2016 ein weiteres Gebäude aus der jüngeren Geschichte zu besichtigen sein: Ein Behelfsheim für Ausgebombte aus Ottenhofen (Markt Marktbergel, Lkr. Neustadt a. d. Aisch - Bad Windsheim), erbaut im Jahr 1944.

Behelfsheime wurden zwischen 1943 und 1945 im Rahmen des Deutschen Wohnungshilfswerks im gesamten Reichsgebiet errichtet, um Menschen ein vorübergehendes Zuhause zu bieten, die durch den Luftkrieg obdachlos geworden waren. Sie bestanden entweder aus vor Ort verfügbaren Baumaterialien oder wurden in Fabriken gefertigt. Bauherren konnten Gemeinden, Betriebe oder auch Privatleute sein. Die Behelfsheime - im Prinzip kleine, aufs Wesentlichste reduzierte Eigenheime - entstanden als Einzelgebäude oder in kleinen Gruppen zumeist an den Dorfrändern.

Sie markieren den Anfang des Siedlungsbaus, der eine Reaktion auf die allgemeine Wohnraumknappheit und die Bevölkerungsbewegungen der (Nach)Kriegszeit darstellte. Die Siedlungen sollten das Gesicht vieler Dörfer in den folgenden Jahrzehnten radikal verändern: Weitgehend einheitlich erscheinende Häuser stehen auf planmäßig abgesteckten Grundstücken, die von neuen Straßen erschlossen werden. Die Häuser entstanden oft im Rahmen kommunaler oder genossenschaftlicher Bauprojekte sowie verschiedener Förderprogramme, aber auch private Bauherren nutzten die Erschließung neuer Baugebiete. Entsprechend vielfältig fielen die Häuser und ihr Umfeld aus: vom Kleinhaus bis zur Villa, vom Eigenheim bis zum Mietwohnungsbau, vom Kleintierstall bis zur Garage, vom Nutz- bis zum Wohngarten.

Mit den baulichen Veränderungen gingen soziale einher: In Behelfsheimen und -wohnungen lebten ausgebombte Städter, ihnen folgten Flüchtlinge und Vertriebene und aus Lagern entlassene "Displaced Persons" - fremde Menschen aus anderen Regionen und mit einem anderen kulturellen Hintergrund trafen auf alteingesessene Dorfbewohner, die in einem festen Sozialgefüge aufgewachsen waren. Viele Zugezogene gingen bald wieder; doch wer in der Region Arbeit fand, blieb da. Da die Zugezogenen oft bei Einheimischen einquartiert waren, bedeutete der Bau von Siedlungen für beide Seiten eine deutliche Entlastung. Das beschriebene Themengebiet wird im Freilandmuseum im Rahmen eines Forschungsprojekts untersucht. Es  soll einerseits den Behelfsheimbau in Franken, andererseits die Entwicklung der Ortsrandsiedlungen in ausgewählten Dörfern im nördlichen Mittelfranken zwischen 1943 und etwa 1960 dokumentieren. Dazu werden Archivalien, Bauanträge, Fotos, Zeitungsartikel und andere zeitgenössische Dokumente ausgewertet, Interviews mit Bewohnern der Siedlungen geführt sowie Begehungen vor Ort und auch in einzelnen Gebäuden vorgenommen. Die Ergebnisse werden in einem Buch festgehalten und sollen eine Grundlage für weitere Recherchen sowie Ausstellungen bilden.

Das Forschungsprojekt wird durch den Museumsleiter Dr. Herbert May und die Professur für Europäische Ethnologie / Volkskunde an der Universität Eichstätt wissenschaftlich betreut.

Außerdem ist es Teil eines Verbundprojektes der Freilichtmuseen Kiekeberg, Kommern und Bad Windsheim. Gemeinsames Ziel ist die museale Erforschung der Zeit-, Sozial- und Kulturgeschichte des ländlichen Raums zwischen 1945 und 1980 im überregionalen Vergleich - einschließlich der mit ihr verbundenen materiellen Kultur, zu der auch das Bauwesen gehört. Die Ergebnisse der beteiligten Museen sowie weiterer Institutionen und Wissenschaftler werden zwischen 2016 und 2018 auf drei Tagungen zusammengetragen und anschließend publiziert. Weitere Informationen zum Verbundprojekt finden Sie auf dem zugehörigen Flyer: Verbundprojekt-Flyer herunterladen.

Ansprechpartner:
Markus Rodenberg M.A.: Mail; Telefon: 09841/6680-28

Behelfsheim in Steinach an der Ens
Siedlerstelle in Burgbernheim
"Paprikasiedlung" in Laubendorf