Artur Lindheimer

Panoramafotografie von Klingenberg

Fast sein ganzes Leben verbrachte Artur Lindheimer im idyllischen Klingenberg. Foto: Ernst Eichhorn, Bildarchiv Fränkisches Freilandmuseum.

Artur Lindheimer wurde am 04.12.1869 in Klingenberg in Haus Nummer 15 als Sohn von Emanuel und Geta Lindheimer, einer geborenen Grünbaum aus Allersheim, geboren. Über seine Kindheit und Jugend fehlen bis jetzt gesicherte Erkenntnisse. Mit knapp über dreißig Jahren machte sich Artur dann daran, selbst eine kleine Familie aufzubauen. Gemeinsam mit seiner Frau Lydia, einer geborenen Sander aus Coburg, bekam er zwei Töchter, 1902 die ältere Tochter Gerdie und ein Jahr darauf Anna Regina.

Alles deutete also zunächst darauf hin, dass das Leben von Artur Lindheimer in geordneten Bahnen verlaufen würde. Doch ein ruhiger Lebensabend war ihm nicht vergönnt. Bereits 1927 erfahren wir, dass Artur, der inzwischen in seinem Heimatort eine Hosenfabrik aufgebaut hatte, einen Kredit bei einem Onkel in England aufnehmen musste. In der Folge musste er nicht nur für sich und seine Frau sowie die unverheiratete Anna sorgen, sondern auch für seine ältere Tochter Gerdie, die eigentlich auswärts verheiratet war, nach einer unglücklichen Ehe jedoch mit ihren vier Kindern in das Elternhaus zurückkehrte. Die Kinder von Gerdie hatten von ihrem Onkel immerhin noch 400 RM als Notfallsicherung mitbekommen. Auch von anderer Seite drohte Ärger: 1931 führte Artur gemeinsam mit seiner Frau einen Gerichtsprozess um die Aufwertung eines Hauses in Coburg, das Lydia Lindheimer zu einem Drittel gehörte. Der Prozess endete in einem Vergleich. Im selben Jahr ist in den Akten von einem betrieblichen Pflanzengarten die Rede, dessen Charakter jedoch nicht näher ausgeführt wird. Spätestens jetzt begann das Vermögen des älteren Mannes rapide dahinzuschmelzen. Zu allem Übel musste er nun seinen Anteil am Coburger Haus auch noch von 1/3 auf 2/3 steigern, um eine Schuld seines Schwagers auszulösen.

Dennoch reichten die Rücklagen 1934 noch aus um ein Hausmädchen bezahlen zu können. 1936 beschäftigte Lindheimer in seiner Fabrik noch vier Heimarbeiter, mit denen er vor allem Sport- und Tennishosen fertigte. Im Falle seiner geschäftsbedingten Abwesenheit leitete Lydia die Geschicke der Firma. Und dies war beileibe nicht selten der Fall: 1935 etwa war Artur Lindheimer um die 160 Tage auf Handlungsreise, um seine Produkte an den Mann zu bringen. Er beschränkte sich dabei nicht etwa nur auf das lokale Umland sondern machte Geschäfte in Zentren wie München, Hof, Stuttgart, Koblenz, Ulm, Augsburg und Münster. Zunehmend jedoch warf der Betrieb weniger Gewinne ab als für den Unterhalt der großen Familie nötig waren, zumal einige frühere Kunden in der NS-Zeit aufgrund der „nichtarischen Abstammung“ den Betrieb mieden. Lokalisiert waren Fabrik und Wohnhaus der Lindheimers in der Bergwerkstraße 7, 1938 wurde noch ein Betriebsvermögen von 5065,89 RM attestiert. Die geräumige Wohnung war allerdings nur gemietet und kostete das Ehepaar monatlich eine Rate von 58,64 RM. Um erneut ihren familiären Verpflichtungen nachzukommen, liehen die ohnehin finanziell angeschlagenen Artur und Lydia Lindheimer 1938 Thekla Sander, einer Verwandten von Lydia, 750 RM. Um die Familie ernähren zu können, verzichtete Artur in dieser Zeit auf jegliche Form von Versicherung, selbst eine Krankenversicherung besaß er nicht. Bereits im August 1939 bedauerte er gegenüber den Behörden, dass auch die Verwandten keinerlei Bargeld mehr hätten, mit denen er seine fälligen Abgaben an das Finanzamt begleichen könnte.

Als Klingenberger durch und durch war der Fabrikant in seinem Heimatort wohlbekannt und beliebt. Nicht nur war sein Betrieb über die Jahre ein wichtiger Arbeitgeber gewesen, er empfing in seinem Heim auch immer wieder Gäste und seit jeher saßen an den jüdischen Festtagen auch christliche Freunde und Bekannte mit am Tisch. Unter den Nationalsozialisten jedoch zählte all das nichts mehr. Am 05.11.1938 sah sich Artur Lindheimer gezwungen, seinen Betrieb an den Christen Albrecht Ebert zu verkaufen, nachdem sich die Steuerfahndungsstelle zuvor beschwert hatte, dass die Firma noch immer in jüdischem Besitz sei. Die Gewalt der Novemberpogrome richtete sich daher gegen das Wohnhaus der Lindheimers. Dort wurden die Fensterscheiben eingeworfen, Türen beschädigt und die Wohnungen verwüstet. Einen Tag vor Weihnachten lehnte dann das Finanzamt Klingenberg auch Arturs Antrag auf Senkung der Vermögensabgabe ab. Seine Argumentation, der Wert des Hauses in Coburg und des Familienschmucks, welcher auf 600 RM taxiert worden war, seien zu hoch angesetzt, fanden keine Beachtung. Immer klarer wurde, dass seine Zeit in Klingenberg, dem Ort, an dem er seit seiner Geburt gelebt hatte, ein Ende finden würde. Irgendwann nach dem 01.06.1939 verließ das Ehepaar Lindheimer Franken und zog zu seinen Kindern, welche diesen Schritt bereits zuvor vollzogen hatten, in die Günthersburgallee 29 nach Frankfurt am Main. Noch immer tat Artur alles um der Familie zu helfen und unterstützte etwa seinen Enkel Ernst, der sich in einem Vorbereitungslager auf eine mögliche Ausreise nach Palästina vorbereitete. Im November 1939 musste das Ehepaar sich erneut Geld leihen, um den Lebensunterhalt der Familie noch bestreiten zu können. Am 11. Dezember gelang schließlich der Verkauf des Mietshauses mit Ladengeschäft in der Schemmstraße 38 in Coburg, an dem die Lindheimers 2/3 der Anteile hielten. Zuvor hatte das Haus bereits ein Jahr lang erfolglos zum Verkauf gestanden, sein Wert wurde zuletzt auf 20.000 RM taxiert. Über den Erlös in Höhe von 14.920,83 RM ließ man Artur und Lydia anschließend jedoch nur sehr eingeschränkt verfügen. Ansonsten besaß Artur an Vermögenswerten nur noch ein Portfolio von Anleihen und Pfandbriefen. Selbst die Behörden hatten ob der ernsten finanziellen Lage der Familie schließlich ein Einsehen und senkten die sogenannte Judenvermögensabgabe für Artur Ende 1939 von 950 RM auf 600 RM. Im Folgejahr ersuchte Artur Lindheimer zusätzlich um einen Steuernachlass, unter anderem, weil seine Vermögenswerte durch den Verkauf des Coburger Hauses deutlich gesunken waren. Alleine 1941 verringerte sich sein Einkommen noch einmal auf die Hälfte des Vorjahres und lag damit nur noch bei 354 RM.

Zu allem Überfluss fanden sich Artur und Lydia Lindheimer nun noch vor Gericht wieder: 1942 wurde ihnen vorgeworfen, Schulden an Miete, Kohlengeld und Heizerlohn in Höhe von 375 RM 11 Pf nicht beglichen zu haben und die eigenen Möbel verspätet aus der Wohnung Günthersburgallee 29 entfernt zu haben. Mit Mietvertrag vom 15.03.1939 hatte die Familie unter dieser Adresse eine Fünfzimmerwohnung bezogen, von der sie ein Zimmer an das Ehepaar Moses Blumenfeld untervermieteten. Im Prozessverlauf stellte sich die Sachlage dann doch etwas anders dar, als von der Anklage skizziert: Am 07.11.1941 hatten die Lindheimers von der Gestapo den Bescheid erhalten, dass sie die Wohnung zu räumen hätten und leisteten dem auch Folge. Da auch das Ehepaar Moses Blumenfeld jedoch am 11.11.1941 der Wohnung verwiesen wurde und deren Zimmer daraufhin versiegelt, war es den Lindheimers nicht möglich, die eigenen Möbel aus diesem Zimmer zu entfernen. Offenbar einigte man sich in der Folge außergerichtlich, denn ein Urteilsspruch ist nicht überliefert.

In der Folge lebte die Familie unter der Adresse Musikantenweg 4. Der einstige Fabrikbesitzer war verarmt. Am 04.03.1942 bat er gemeinsam mit seiner Frau um den Erlass der Vermögenssteuer, da das gesamte Vermögen des Paares im Folgemonat würde aufgebraucht sein. Am 15.09.1942 wurde Artur Lindheimer ins Lager Theresienstadt deportiert. Dort starb er am 16.10.1942 unter menschenunwürdigen Bedingungen. In nur wenigen Jahren hatten die Nationalsozialisten einen hart arbeitenden Unternehmer seines kompletten Vermögens und schließlich auch seines Lebens beraubt.

 

Artur Lindheimer

 

Artur Lindheimer was born in house number 15 in Klingenberg on the 4th of December of 1869 as the son of Emanuel and Geta Lindheimer, a born Grünbaum from Allersheim. Nothing is known about his childhood and youth. With little over thirty years of age, Artur began to found his own little family. Together with his wife Lydia, a born Sander from Coburg, he had two daughters, Gerdie in 1902 and Anna Regina in 1903.

Little seemed to indicate that Artur Lindheimer’s biography would take extraordinary paths. But the luck of a peaceful dotage was not granted to him. As early as 1927 we learn that Artur, who in the meantime had established a factory for trousers in his hometown, received a credit from an uncle in England. In the following years, he not only needed to support his wife and the younger daughter Anna, who still lived with them, but also his older daughter Gerdie. Gerdie was initially married out of town but returned to her parents after an unhappy marriage, bringing along her four children. The children had at least received an emergency fund of 400 RM from one of their uncles. And this was not the only obstacle: In 1931 Artur and Lydia were involved in court proceedings regarding the appreciation of a house in Coburg, which Lydia owned to 1/3. The proceedings resulted in a settlement. In the same years, the redcords speak of an operational garden but do not reveal more about it. From this point on, the wealth of the old man began to decrease rapidly. To make things even worse, Artur had to take over another third of the house in Coburg in order to pay the dues of his brother-in-law.

Nevertheless, in 1934 the savings were still sufficient to pay a housemaid. In 1936 Artur Lindheimer employed four persons in his factory, which mainly produced tennis- and sportspants. Whenever Artur was on business trips, Lydia took over the responsibility for the company. And that was quite often: In 1935 Artur was on the road for around 160 days, not only trading in the local area but also visiting bigger cities such as Munich, Hof, Stuttgart, Koblenz, Ulm, Augsburg ans Münster. But more and more the benefits from the company did not suffice to support the family, all the more so since some of the old customers did not want to buy from a „non-aryan“ company. The company and apartment of the Lindheimers were located under the address „Bergwerkstraße 7“ in Klingenberg, in 1938 the business assets were estimated at 5065,89 RM. The large apartment was only rented and the couple had to pay 58,64 RM a month to keep it. To once again help out the family, Lydia and Artur, whose financial ressources were already scarce, gave 750 RM to Thekla Sander, a relative of Lydia. In order to support the family, Artur did without any insurances, including health insurance, in these years. In August of 1939 he informed the financial authorities that he had not been able to organize any cash in order to pay for the charges he still owed, his family members did not have any themselves

As a born and raised man from Klingenberg, Artur was well known and liked in the town. Not only had his company been an important employer for years, he also frequently welcomed guests into his apartment and often christian visitors were present at the high jewish holidays in the Lindheimer home. For the national socialists however, this did not matter. On the 5th of November of 1938, Artur Lindheimer was forced to sell his company to the christian Albrecht Ebert after tax authorities had complained that it was still under jewish ownership. Due to the new owner, the violence during the november pogroms mainly focussed on the apartment of the Lindheimer family, where stones were thrown through the windows, doors were damaged and the apartment vandalized. On the day before christmas, the financial authorities declined Artur’s request to reduce his capital levy. His argument that the house in Coburg and the jewelleries of the family, which had been valued around 600 RM, were overestimated was not taken into consideration. It became increasingly clear, that Artur Lindheimer had to leave his hometown. Sometime after the 1st of June of 1939, the couple left Klingenberg and moved to their children, which had taken this step earlier, to Frankfurt am Main, where they lived under the address „Günthersburgallee 29“. Artur still did what he could to help out the family, also supporting his grandson Ernst who trained in a hachschara in order to prepare for a possible new life in Palestine. In November of 1939, Artur and Lydia once again had to take a private credite in order to be able to feed the family. On the 11th of December, the apartment building with shop in Coburg (Schemmstraße 38) could finally be sold after it had been for sale for a year at that point already. The value of the house was estimated with 20.000 RM, of which Lindheimers received 14.920,83 RM. They were however not permitted to dispose of this money, which meant that their financial struggle continued. Apart from this, Artur only had a portfolio of bonds and bond certificates. Even the authorities could no longer ignore the serious financial situation and reduced the so called „Judenvermögensabgabe“ for Artur from 950 to 600 RM towards the end of 1939. In the following year, Artur once again asked for a reduction of his taxes, arguing that his assets had further decreased after the sale of the house. In 1941 alone, his income reduced by half and only consisted of 354 RM anymore.

To make things worse, Artur and Lydia Lindheimer found themselves in the courtroom. In 1942 there were clams that they still owed 375,11 RM in rent, for coal and boilerman coasts and had ommited to remove their furniture from the apartment in Günthersburgallee 29 after they had moved out. With a contract from the 15th of March of 1939, the family had rented the five-room flat and rented one room to Moses Blumenfeld and his wife. During the court hearings it became clear that the situation really had been very different from what the accusation stated: On the 7th of November of 1941 the Gestapo had ordered the Lindheimers to leave the apartment and they had followed these orders. Since Moses Blumenfeld and his wife were also fored to leave four days later and their room was sealed afterwards, Lindheimers had not been able to remove their furniture from this room. It seems that both parties reached an agreement outside the courtroom, since no sentence is noted.

In the following time, the family lived under the address „Musikantenweg 4“. The former company owner was now a poor man. On the 4th of March of 1942 he asked the authorities to free him from the capital tax, because all of their savings would be used up the following month. On the 15th of September of 1942, Artur Lindheimer was deported to camp Terezin. There he died on the 16th of October under miserable conditions. In only a few years, the national socialists had robbed a hard working business man from all of his savings and in the end of his life.

 

Quellen

 

Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken.

Reber, Susanne: Die Mischliburskis – Eine deutsche Familie aus Franken. 2018.

E-Mail-Auskunft von Laura Hamberger (Stadtarchiv Coburg).

Geni – Genealogische Datenbank.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Nr. 518/82056.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Nr. 676/6298.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Nr. 519/3 4896.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Nr. 469/6 238/37.

Hofmann, Rolf: Family Sheet Maier Fromm of Westheim + Noerdlingen.