Blick in vergangene Zeiten - Illusionsmalerei 2.0

Unter dem offenen Westbogen der Spitalkirche zum Hl. Geist in Bad Windsheim ist ein dreiteiliges Wandbild zu sehen...

Krankensaal mit Kranken in Betten und Menschen, die sich um die Kranken kümmern

Wandbild mit dem computerrekonstruierten Krankensaal des Heilig-Geist-Spitals Windsheim aus dem 15. Jahrhundert

Blick in einen Innenhof mit Gärten im Hintergrund; vermittelt eine Weite des Raums

Jacques Rousseau, Perspective de jardins, 1674, Öl auf Leinwand, Schloß Versailles, Salon dé Vénus

scheinbar geöffnete Tür, die Einblick gibt in eine Mönchszelle; mit Fercoldo, der auf eine Abbildung seines Sohnes, den späteren Papst Clemens IV. zeigt

Filippo Balbi, Scheintür mit dem Karthäuser-Mönch Fercoldo, 1885, Kloster des Michelangelo in den Diokletiansthermen, Museo Nazionale Romano, Rom

Rekonstruktion der altägyptischen Stadt Pi-Ramesse

Rekonstruktion des Stadtzentrums der altägyptischen Stadt Pi-Ramesse (1300-1100 v. Chr.) auf einer Insel im Pelusischen Nilarm, artefacts-berlin.de

Unter dem offenen Westbogen der Spitalkirche zum Hl. Geist in Bad Windsheim ist ein dreiteiliges Wandbild zu sehen, das einen spätmittelalterlichen Krankensaal zeigt. Genau an der Stelle, an dem heute im Museum Kirche in Franken dieses Bild platziert ist, befand man sich im 15. Jahrhundert mitten im Krankensaal des direkt ans Kirchengebäude angebauten Windsheimer Heilig-Geist-Spitals. Der saalartige Raum wurde auf dem Bild virtuell mit zeitgemäßem Mobiliar eingerichtet und mit Inventar aus dem Windsheimer Spitalfund ausgestattet. Die abgebildeten Personen sind Mitglieder der Living History-Gruppe „1476 Städtisches Aufgebot e. V.“, welche in zeitgenössischer Kleidung den Raum mit Leben füllen.

Die Computerrekonstruktion auf dem Bild zeigt einen nahezu greifbaren und doch nicht vorhandenen Raum, der - vom Kirchenraum aus - einen Einblick in die Vergangenheit des Windsheimer Spitals ermöglicht. Durch die perspektivische Darstellung öffnet sich der Raum, obwohl das Bild ja nur zweidimensional an der Wand hängt. Das Bild des Krankensaals vereint damit barocke Illusionsmalerei mit moderner 3D-Visualisierung – und passte somit ganz wunderbar zum diesjährigen Motto des Tages des offenen Denkmals®! 

Die Überschrift „Sein und Schein – in Geschichte, Architektur und Denkmalpflege“ stand am 12.09.2021 über allen vor Ort und digital erlebbaren Denkmälern, so auch die Tabaktrockenscheune, das Dachgeschoss des Gasthauses zum Hirschen, die Restauratorenwerkstatt und die eingelagerte Scheune aus Reuth am Wald im Fränkischen Freilandmuseum. Und eigentlich auch die Spitalkirche mit dem bereits beschriebenen Bild… doch leider ist die Kirche in diesem Halbjahr kein offenes, sondern ein geschlossenes Denkmal. Zur Vorbereitung der Sanierung der Temperierung wurde auch das Krankensaal-Bild abgenommen und sicher verwahrt und die Spitalkirche ist seit Anfang Juli für unsere Besucher nicht mehr zugänglich.

Deshalb präsentieren wir hier in unserem Blog all das, was wir auch vor Ort den Besuchern am Tag des offenen Denkmals® vermittelt hätten: 
Früher erweiterten illusionistische Wand- und Deckenmalereien optisch den Raum. Vor allem in der Zeit des Barock, nach der Wiederentdeckung der Perspektive und Fortschritten im Bereich der Optik in der Renaissance, entstanden sog. Trompe-l’œil (frz. tromper „täuschen“ und l’œil „das Auge“). Die Illusionsmalerei schuf Scheinarchitekturen, erweiterte Räume oder ließ sie kleiner erscheinen oder bildete scheinbare Ausblicke auf Landschaften ab. Als Beispiele seien hier genannt Deckenfresken, die den Eindruck einer Kuppel geben oder dekorierte Wände, die dem Betrachter einen Ausblick in Gärten oder weitere (nichtexistierende) Räume geben. Dabei wurde nicht unbedingt immer die perfekte Täuschung angestrebt, sondern eher mit der Wahrnehmung und dem Wirklichkeitssinn des Betrachtenden gespielt.

Unserem Krankensaal-Bild sehr nahe kommt ein Beispiel aus den Diokletiansthermen in Rom. Lange nachdem im nordöstlichen Teil der antiken Thermen das „Kloster des Michelangelo“ entstanden war, bildete der Künstler Filippo Balbi nahe dem Eingang zum Kloster den Karthäuser-Mönch Fercoldo (Vater von Papst Clemens IV.) aus der Wand kommend ab. Hier wird auch architektonisch etwas vorgetäuscht – in diesem Fall eine Scheintür – und gleichzeitig öffnet sich ein Zugang zu vergangenen Zeiten, ein Blick in eine Mönchszelle aus dem 13. Jahrhundert, die sich eigentlich nicht in Rom sondern in Frankreich befand. Beides in Kombination ergibt ein wunderbares Erinnerungsbild an einen berühmten Vorfahren der römischen Karthäuser-Mönche, geschickt angebracht im Kreuzgang des Klosters.

In heutigen Zeiten gibt es das Trompe-l’œil immer noch, allerdings eher im privaten, profanen Bereich. Vor allem im Bereich der Geschichtswissenschaften, der Archäologie und der Denkmalpflege haben sog. 3D-Visualisierungen an Wichtigkeit gewonnen. Mit dem Computer rekonstruierte Modelle von zerstörten Gebäuden oder Tempeln, längst untergegangenen Städten und kleinen Siedlungen von der Steinzeit bis in die Neuzeit können nicht nur die Architekturelemente anschaulich vermitteln, sondern auch das Leben in früheren Zeiten wieder auferstehen lassen.  Sie können also nicht nur optisch den Blick weiten, sondern auch historisch. Die technischen Möglichkeiten werden quasi täglich besser, so dass von einfachen Darstellungen bis hin zu einem Eintauchen in eine Virtual Reality inzwischen alles möglich ist. Trotzdem bleibt bei all der Technik wichtig, sich vorher die Methodik gut zu überlegen – wie will ich vermitteln? Und auch die Datengrundlage sollte wissenschaftlich fundiert und nicht der Fantasie entsprungen sein. 

So geschehen auch bei unserem Wandbild, das neben der scheinbaren Dreidimensionalität des Raums auch die sozusagen vierte Dimension – die historische Dimension – mit all ihren wissenschaftlich nachgewiesenen Details dem Betrachter zugänglich macht.

Literatur:
Konrad Bedal, Andrea K. Thurnwald (Hg.), Museum Kirche in Franken. Museumshandbuch, Bad Windsheim 2009, S.26f.

Auferstehung der Antike. Archäologische Stätten digital rekonstruiert, Darmstadt 2019.

Andrea K. Thurnwald (Hg.), Eine Kirche wird Museum. Werkstattberichte aus dem Museum Kirche in Franken, Bad Windsheim 2006, S. 112f.

Trompe-l’œil – Wikipedia

3D-Visualisierung – Wikipedia