Der Kirchenschlaf ist der beste Schlaf…

der 21. Juni ist in Deutschland ein Aktionstag, der Tag des Schlafes. Passend dazu geht es diesmal um den Kirchenschlaf… Auch heute noch gibt es Menschen, die bei der Predigt in der Kirche einnicken.

Kirchengestühl mit mehreren Damen. Am Rand sitzt eine Dame zusammen gesunken auf einem Notsitz und verschläft die Predigt.

Kirchenschlaf, Detail des Windsheimer Konfessionsbildes, Nürnberg, 1601, Öl auf Leinwand, Andreas Herneisen; Leihgabe: Stadt Bad Windsheim

Neben dem Prediger auf der Kanzel steht eine kleine Sanduhr.

Prediger mit Sanduhr auf der Kanzel, Detail des Windsheimer Konfessionsbildes, Nürnberg, 1601, Öl auf Leinwand, Andreas Herneisen; Leihgabe: Stadt Bad Windsheim

Kanzelsanduhr mit drei Sanduhren aus Waldglas, drehbar an Holzständer befestigt

Kanzelsanduhr, Süddeutschland, Anfang des 17. Jahrhunderts, drei Sanduhren aus Waldglas, drehbar an Holzständer befestigt; Leihgabe: Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Kilian, Bad Windsheim

Frauenminze

Frauenminze (Marienblatt oder Balsamkraut)

Auf dem Windsheimer Konfessionsbild von 1601 ist dieser „Aspekt“ des evangelisch-lutherischen Gottesdienstes neben wichtigen Elementen wie der Übergabe der Confessio Augustana oder des Heiligen Abendmahls und der Taufe vom Maler Andreas Herneisen verewigt worden.

Während die anderen Gottesdienstteilnehmer in den Gesangbüchern blättern oder andächtig der Predigt lauschen, ist eine Dame auf dem Notsitz neben dem Gestühl in sich zusammengesunken. Das Buch ist ihr heruntergefallen, die Augen sind geschlossen. Sie schläft, obwohl der Text neben ihr besagt: „Selig sind die gottes Wort hören und bewaren“.

Dabei könnte man meinen, dass gerade zur Entstehungszeit des Gemäldes durch die im Jahrhundert zuvor eingeführte deutsche Sprache im Gottesdienst, jeder den Worten des Pfarrers interessiert lauschte. Während man vor der Reformation ja nur die Hälfte verstanden und deshalb vielleicht nicht ganz so aufmerksam die Messe verfolgt hatte.

In den damaligen Agenden für Pfarrer (z. B. das Agendbüchlein von Veit Dietrich) war eindeutig festgelegt, dass eine vernünftige Zeitbegrenzung des Gottesdienstes angebracht sei. Man dürfe das Volk nicht zu lange von der Arbeit abhalten und man müsse Rücksicht darauf nehmen, dass gerade die Bevölkerung auf dem Land durch harte Arbeit ermüdet in die Kirchen kam. Die Predigt solle nicht zu lange werden. Bis ins 18. Jahrhundert wurde dies zumeist mit Sanduhren geregelt, die für jeden sichtbar an den Kanzeln angebracht waren. Auf dem Windsheimer Konfessionsbild ist ganz klein auch eine Sanduhr zu erkennen.

Auf die ermüdete Landbevölkerung sollte also Rücksicht genommen werden. Diese war es wenig gewohnt, die Hände in den Schoß zu legen und einfach nur dazusitzen, und so passierte es zuweilen, dass - wie auf unserem Bild - der Schlaf einen Gottesdienstteilnehmer übermannte. Für die Pfarrer war dies natürlich kein Zustand, der toleriert werden durfte. Teilweise wurde auch von der Obrigkeit versucht, dem durch Geldstrafen entgegen zu wirken. Die Leute selbst versuchten dem Schlaf durch intensiv riechende Kräuter beizukommen. In Franken gab es das „Schmeckersträußla“. Kräuter wie Frauenminze oder Eberraute wurden zu Sträußchen gebunden und mitgenommen. Man legte sich auch einzelne Blätter ins Gesangbuch hinein. Beim Zerreiben der Blätter, entstand ein scharfer Geruch, der das Einschlafen verhindern sollte. Die Problematik des Kirchenschlafs entstand erst durch das Sitzen im Gottesdienst (siehe Beitrag „Sitzen ist nicht gleich sitzen“, 24. Juli 2020).

Wir können davon ausgehen, dass unsere Dame auf dem Bild auch zur hart arbeitenden Bevölkerung gehörte. Durch ihre Kleidung unterscheidet sie sich von den feinen Damen daneben und sie darf nur auf dem Notsitz Platz nehmen. Ein Dienstmädchen vielleicht, das mit seiner Herrin in den Gottesdienst gegangen ist und sich bei den beruhigenden Worten des Pfarrers auf der Kanzel nur mal ganz kurz von ihrer Arbeit ausruht…