Die Fäden fest in der Hand halten...

Spinnrad, Inv.nr. 20/145. Schenkung; im Museum seit 2020. (Foto: Juliane Sander)

Spinnrad, Inv.nr. 20/145. Schenkung; im Museum seit 2020. (Foto: Juliane Sander)

…geht auf die frühere Arbeit am Spinnrad zurück, denn Jemand, der alle Fäden fest in der Hand hat, der überblickt und lenkt alle wichtigen Geschehnisse. Früheste handbetriebene Spinnräder sind in Mitteleuropa ab dem 13. Jahrhundert in Quellen nachgewiesen, fußbetriebene Flügelspinnräder, wie wir sie heute kennen, gibt es erst seit der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Unser Spinnrad ist ein solches fußbetriebenes Flügelspinnrad. An diesem ist zusätzlich ein Rocken angebracht, eine Art Stab, der zum Spinnen von Flachs benötigt wird. Auf diesem befinden sich die Flachsstränge. Der langfaserige Flachs wird direkt vom Rocken herausgezogen und versponnen. Die Erzeugnisse aus Flachs bezeichnet man als Leinen.

Der kleine, auf dem Spinnrad montierte zinnerne Rockenbecher gab der Spinnerin die Möglichkeit, sich beim Spinnen die Finger zu befeuchten, um den Flachs leichter spinnen zu können. Denn die Flachsfaser ist härter als Wolle.

Beim Spinnen werden Tier- oder Pflanzenfasern zu einem Faden versponnen, der z. B. beim Weben oder Stricken verarbeitet wird. Spinnen gehörte zur Heimarbeit und wurde meist von Frauen und Mädchen verrichtet. Handgewebte Hemden, Tisch- und Bettwäsche gehörten nicht nur zur Aussteuer, sondern wurden auch zum täglichen Gebrauch in unzähligen Handarbeitsstunden aus Flachsfasern gesponnen und nach einfacher Webart am eigenen Webstuhl verarbeitet. Im Gegensatz zu heute war es von der Faser zum fertigen textilen Stück ein langer Weg.

Bis zur Einführung der industriellen Spinnmaschine – der Spinning Jenny – 1764 von James Hargraves, die mit ihrem hohen Zuwachs an Produktivität gegenüber dem Spinnrad als eine der ersten Maschinen das alte Handwerk vollständig ablöste, war der Bedarf an handgesponnenem Garn enorm. Allein die Arbeit von fünf Spinnerinnen wurde gebraucht, um einen Webstuhl mit Garnen zu versorgen!

Im Spätherbst, wenn die Feldarbeiten und die Ernte erledigt waren, begann die winterliche Handarbeit der Frauen, die meist bis ins Frühjahr hinein andauerte. Gesponnen wurde alleine zuhause oder in der Gemeinschaft in sogenannten Spinnstuben, auch Rocken- oder Kunkelstuben genannt. Diese Einrichtung erfüllte eine wichtige soziale Funktion und diente der Überlieferung von Geschichten und „altem Wissen“. Frauen und Mädchen (ab einem Alter von 12 bis 13 Jahren) gingen im Winter zur gemeinsamen Spinnstube im Ort oder Nachbardorf.

Ein Spinnrad war ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, der sich abnutzte und erneuert werden musste. Daher wurden auf jedem Bauernhof und in jedem Bürgerhaus mehrere Spinnräder gebraucht.

Ende des 19. Jahrhunderts verloren viele handarbeitliche Tätigkeiten, so auch das Spinnen, ihre Bedeutung. Der Eigenbedarf an Textilien konnte billiger durch industrielle Produkte gedeckt werden und auch das spätere Aufkommen von pflegeleichten Kunstfasern erschwerte den Absatz von Wolle und Leinen. Bis ins 20. Jahrhundert blieb das Spinnrad nur noch der häuslichen Textilverarbeitung erhalten und wurde bis dahin als bemalte Version dem Brautschatz beigefügt.