Die schöne Müllerin: Managerin für Planung, Organisation und Führung der Mühle

Zeichnung, unkoloriert (schwarz-weiß); vor einer Mühle kommen und gehen Menschen mit Säcken; im Vordergrund lehnt sich ein Mann über eine mittelhohe Holzwand, wendet sich einer Frau zu, die, auf einer Erderhöhung sitzend und sich scheinbar einem Blumenstrauß zuwendet, den sie in ihren Händen hält, an dessen Blüten sie zupft.

Vor allem im 19. Jahrhundert war das Klischee der Mühle als Schauplatz erotischer Abenteuer verbreitet. Zeichnung aus der Serie: Unser täglich Brot in Bildern von Ludwig Richter (1803-1884), um 1890.

Eine hochbetagte Frau trägt in beiden Händen je eine Milchkanne, bewegt sich scheinbar vom Hof in den Stall?

Stallarbeiten, z. B. Melken und Abliefern der Milch, gehörten in die Verantwortung der Frauen. Undungsmühle (Mittelsteinach, Landkr. Neustadt/Aisch-Bad Windsheim), um 1950. Foto: Archiv Wolfgang Mück.

Vor einem alten Haus stehen fünf Personen, zwei Männer, drei Frauen; aus drei der geöffneten Fenster des 1. Stockwerks schaut je eine Person heraus, zwei Männer, eine Frau; Alle Personen sind dem Fotografen zugewandt und schauen in die Kamera

Frauen sind auch in der Aumühle aus Eyb durchaus präsent. Im Hof der Aumühle aus Eyb (Stadt Ansbach, Ortsteil Eyb), ca. 1900. Heute Verwaltungsgebäude des Fränkischen Freilandmuseums. Foto: Archiv Fränkisches Freilandmuseum.

Zeichnung, schwarz weiß; zwei Frauen, im Profil, einander gegenüber kniend über einer steinernen Reibpfanne, Getreide mahlend

Sklavinnen beim Mahlen über Reibpfannen. Miniatur aus einem ägyptischen Grab. Aus: Handbuch des Müllers und Mühlenbauers. Leipzig² 1924, S. 10.

Die „schöne“ oder „stolze“ Müllerin als dem Liebesabenteuer nicht abgeneigte Frau treffen wir seit dem 15. Jahrhundert als literarische Gestalt in Märchen, Sagen und Liedern. Konkrete Hinweise darauf stehen aus. Bereits in der Antike arbeiteten Frauen als Müllerin und Bäckerin, die auf den Reibsteinen oder mit der Handdrehmühle das Getreide für den täglichen Nahrungsbedarf ihres Familienverbandes zerkleinerten und weiterverarbeiteten. Auch wenn damit kein definiertes Berufsbild gezeichnet ist, stellt die Nahrungsversorgung als spezialisierte Tätigkeit einen eigenständigen Prozess innerhalb einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung dar.

Wie in allen Handwerksbereichen, gab es in einer Mühle keine klare Trennung zwischen dem „Leben“ und „Arbeiten“. Wohnung und Werkstatt befanden sich unter einem Dach. Und eine Mühle war zugleich eine bäuerliche Hofstätte, neben dem Mahlbetrieb gehörten Haushalt, Garten und eine Landwirtschaft dazu. So waren die täglichen Arbeiten in einen festen von den Jahreszeiten bestimmten Rhythmus eingebunden. Zusammen mit der Familie des Müllers lebten in dem betrieblichen Anwesen das bäuerliche Gesinde, Mägde und Knechte, die Aufgaben im Haus, Stall und Feld erledigten.

Je nach Größe der Mühle kamen der Müllersfrau neben ihren Verpflichtungen als Vorsteherin des Haushalts weitere Aufgabenbereiche zu. Selbstverständlich verantwortete sie die Leitung der Mägde sowie die Verköstigung des Mühlenpersonals. Wohnten doch zumindest die Lehrlinge mit im Haus. Den Gesellen stand freies Essen als eine Art Arbeitslohn zu. War in der Mühle wenig Personal beschäftigt, wirkte sie im Mahlbetrieb mit, half aus oder übernahm die Aufsicht der Mühle.

Wenn sie nach einem frühen Tod ihres Mannes Kraft Entscheidung der Obrigkeit die Leitung der Mühle übernehmen durfte, wurde ihr die Meisterrechte des Mannes übertragen. Allerdings oblag ihr, für den Mahlbetrieb einen geeigneten Müller einzustellen. Nicht selten ging sie mit diesem oder einem Mühlknecht eine weitere Ehe ein, um für sich und ihre Kinder das Überleben zu sichern. Für den Müller oder Knecht ergab sich dadurch die Möglichkeit, in den Besitz einer Mühle und des Meistertitels zu gelangen. Musste sie nach dem Tod ihres Mannes dagegen die Mühle möglicherweise ohne Rente verlassen, war sie der Armut ausgeliefert.

In der Geschichtsforschung sind Frauen noch nicht so präsent. Ihr Platz in der Geschichte wurde ihnen lange nicht zugestanden. Denn diese wurde und wird nicht nur von Männern gemacht. Vielleicht hätte sich manches anders oder schneller entwickelt, wenn Frauen durchgehend als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft angesehen worden wären? Bei genauem Hinsehen zeigt die Geschichte, dass sie als Protagonistinnen durchaus eingebunden waren.

Renate Johanna Zehelein (geb. 1941), die letzte Müllerin von der Schormühle in Altheim (Landkr. Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) ist eine der wenigen Frauen, die den Müllerberuf erlernt hat, berichtet Wolfgang Mück in seinem 2010 erschienenen Buch über Mühlen und Müller im Aischgrund und seinen Nachbartälern. Weil der 1935 geborene Bruder im Alter von zwei Jahren ertrunken ist, absolvierte sie 1955-1958 ihre Ausbildung im Müllerhandwerk. Häufig, so erinnert sie sich, hat ihre Mutter geholfen, die Zweizentnersäcke ab- und aufzuladen.