Dr. Emanuel Moses Friedlein

Zeichnung der Synagogen von Fürth im 18. Jahrhundert.

In Fürth vertiefte Dr. Emanuel Moses Friedlein seine religiöse Bildung.

Auch wenn sein Name heute nur noch Experten ein Begriff ist, erlangte wohl kein Mitglied der jüdischen Gemeinde Allersheims größere Bekanntheit als Dr. Emanuel Moses Friedlein. Zeitweise auch unter dem Namen Samuel bekannt, wurde dieser am 26.05.1807 in Allersheim als Sohn von Moses Seckel Friedlein und seiner Frau geboren.

Schon früh studierte der begabte Junge Hebräisch, war jedoch auch abseits der religiösen Traditionen interessiert, besuchte die Dorfschule und lernte unter anderem beim katholischen Allersheimer Ortspfarrer Latein. Wie weit Friedlein bereits in jungen Jahren in seine Studien vertieft war, offenbart sich an seiner Bar-Mitvah-Rede, in der er die hochtheoretische Frage erörterte, welchem Kopf die Tefillim, die jüdischen Gebetsriemen, anzulegen seien, sollte ein Kind mit zwei Köpfen geboren werden. Daneben verbrachte er seine Tage im Dorf damit, seinem Vater bei dessen landwirtschaftlichen Arbeiten zu helfen.

Doch schnell wurde der beschauliche Ort zu klein für den Wissensdurst des jungen Mannes. Um seine religiösen Studien noch weiter vertiefen zu können, wechselte Friedlein an die Talmud-Schule von Shelome Fegersheim in Fürth und beschäftigte sich auch andernorts mit hebräischer Literatur. Insgesamt vier bis fünf Jahre verbrachte er unter anderem an der zu dieser Zeit noch existenten jüdischen Hochschule in Fürth. Seine Studien erreichten eine solche Höhe, dass er vom Beth Din, dem religiösen Gerichtshof, in Fürth den Titel „Morenu“ („unser Lehrer“) verliehen bekam, ein selten vergebener Ehrentitel. Ein in Quellen angeführtes weltliches Studium an den Universitäten von Würzburg und München, welches 1834 seinen Abschluss gefunden haben soll, kann bislang in den Universitätsarchiven nicht bestätigt werden, der Doktortitel Friedleins spricht jedoch für eine solche weltliche Bildung.

Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Emanuel Moses Friedlein durch die Erteilung von Privatunterricht in angesehenen jüdischen Familien, auch Mitstudenten schätzten seine Kenntnisse der orientalischen Sprachen. Unter anderem die Münchner Bankiersfamilien de Hirsch und Lorsch engagierten den jungen Allersheimer als Hauslehrer für ihre Kinder. Offenbar wuchs das Ansehen Friedleins derart an, dass er bald darauf in München eine eigene Bildungsanstalt eröffnete, welche er 1841 einem Neffen übertrug, weil er selbst noch mehr von der Welt sehen wollte.

Der Einladung einer englischen jüdischen Familie folgend, begann der Gebildete eine Europareise, die ihn über Süddeutschland den Rhein entlang in die Niederlande und nach England führte, ehe er über Schottland und Irland nach London gelangte, wo er sich niederließ. 1842 ist er mit einem Geschäft in London überliefert und unterhielt einen Disput mit den bayerischen Behörden wegen Passangelegenheiten. Im selben Jahr wurde er vom bayerischen Militärdienst befreit und konnte so in London verbleiben. Im Sommer 1848 kehrte er dennoch über Belgien nach Deutschland zurück und besuchte dort noch einige wichtige Städte, ehe er sich der Ausbildung der Kinder der Familie Lorsch zuwandte. Bereits in München scheinen sich seine einst orthodoxen Ansichten gewandelt zu haben und so gründete er vor Ort einen Reformverein nach den Ansichten Abraham Geigers. Vor allem der Kontakt zu liberalen Kollegen hatte Friedlein in seinen Anschauungen beeinflusst.

Als Familie Lorsch 1850 in die USA auswanderte, drängte sie den beliebten Hauslehrer, sie zu begleiten. Im Juli des Jahres emigrierte Friedlein tatsächlich in die Vereinigten Staaten und unterhielt dort unter anderem geschäftliche Verbindungen zu Henry Jones, was ihn in das Umfeld der Organisation B’nai B’rith, einer jüdischen Variante der Freimaurerbewegung, brachte. Nach dem obligatorischen Jahr der Ansässigkeit wurde der Neuankömmling Mitglied der B’er Shebha Lodge No. 11. Dass Friedlein in den USA ein neues Zuhause sah, zeigt unter anderem die Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft am 07.10.1856. Zu jener Zeit lebte er in 26 Henry Street in New York und hatte sich zu einem der führenden Mitglieder von B’nai B’rith entwickelt, unter anderem, weil er viele der Oberen der Organisation bereits aus Studienzeiten in Deutschland kannte und mit ihnen befreundet war. Seine eigenen Aktivitäten konzentrierten sich inzwischen auf die New Yorker Washington Lodge, wo er als Verfechter radikaler Gottesdienstreformen bekannt wurde.

Sein eigentliches Hauptanliegen war jedoch ein anderes: Bereits 1855 wurde Friedlein zum Ehrenmitglied der „United Order True Sisters“ ernannt, einer der ersten unabhängigen Frauenorganisationen in den USA. Emanuel Moses Friedlein hatte sich zu einem Vorkämpfer für den Fortschritt der Frauen entwickelt und engagierte sich wie kaum ein anderer für ihre Belange. In Hartford, Connecticut, förderte er einen Frauenverein und kämpfte für seine Eingliederung, daneben engagierte er sich unter anderem für die Gründung einer Loge des „United Order True Sisters“ in Chicago und betreute intensiv den Cäcilie Lorsch Deutschen Fortbildungsverein in New York, der als Fortbildungsverein für Frauen agierte.

Finanziell hatte Friedlein keine Sorgen, er war gut aufgestellt. Zeitlebens blieb er unverheiratet, auch Kinder hatte er nicht. Lange Zeit fungierte er als Bibliothekar der Maimonides Library in New York, ehe seine fortschreitende Blindheit dies unmöglich machte. 1880 lebte er bei Familie Lorsch in der East 64th Street in New York. Bei der Dame des Hauses handelte es sich um seine Nichte, die inzwischen in die Familie Lorsch eingeheiratet hatte und durch die Friedlein mit der Gründergeneration von Goldman Sachs verwandtschaftlich verbunden war. Die Familie war wohlhabend genug um eine Haushälterin und eine Köchin zu beschäftigen.

Noch 1884 unterstützte Emanuel Moses Friedlein die Frauen vom UOTS bei der Herausgabe einer eigenen Zeitschrift. Große Teile seines Lebens widmete er dem Kampf um ihre Rechte. Am 05.07.1897 starb der gebürtige Allersheimer in New York. In seiner Todesanzeige ist von einem der bekanntesten Männer New Yorks die Rede. Sein Andenken ist heute so gut wie vergessen. Und doch führte Emanuel Moses Friedlein ein faszinierendes Leben und stellte sein Wirken in den Dienst von anderen.

 

Dr. Emanuel Moses Friedlein

 

Though his name is nowadays only familiar to experts, probably no other member of the Allersheim jewish community was as famous as Dr. Emanuel Moses Friedlein. Partly also known under the name Samuel he was born on May 5th of 1807 in Allersheim as a son of Moses Seckel Friedlein and his wife.

From early on the gifted boy studied Hebrew, but was always also interested in worldly topics, visited the village school and, among other things, studied Latin with the catholic priest of Allersheim. How deeply Friedlein was already involved in studies is illustrated by his Bar Mitzvah speech, in which he discussed the highly theoretical question which head had to carry the tefillim if a child was to be born with two heads. Besides he spent his time in the village helping his father on the fields.

But soon the village became to small for his thirst for knowledge. In order to be able to deepen his religious studies further, Friedlein became a student at the Talmudic School of Shelome Fegersheim in Fürth and studied Hebrew literature here and elsewhere. Around four to five years he spent in Fürth, partly visiting the Jewish University in Fürth, which still existed at this time. His studies reached such a high level that he was granted the title of „Morenu“ by the Fürth Beth Din. Worldly university studies in Würzburg and Munich, resulting in a graduation in 1834, which are indicated by the sources, could not yet be confirmed through the university archives but Friedlein’s promotion supports this thesis.

Emanuel Moses Friedlein earned his living by giving private lessons as a teacher for respected jewish families, but his fellow students appreciated his knowledge of the oriental languages as well. The jewish banker families de Hirsch and Lorsch from Munich paid the young man from Allersheim to teach their children. It seems that Friedlein’s reputation reached such heights that he soon opened his own seminary in Munich, which he passed on to a nephew in 1841 in order to see more of the world. Following the invitation of an English jewish family, the teacher began a journey through Europe, starting in Southern Germany and following the Rhine to the Netherlands, before travelling through England, Scotland and Ireland and finally settling in London. In 1842 he had his own business in the city and led a dispute with the Bavarian authorities about passport issues. The same year he was exempted from his military duties in Bavaria, which allowed him to remain in London. In summer of 1848, Friedlein nevertheless returned to Germany via Belgium and spent some time visiting important cities throughout the country. He then went on to educate the children of the Lorsch family in Munich. It seems that at this time Friedlein had already given up his once orthodox views and founded a reform club promoting the views of Abraham Geiger, probably influenced by his contact with liberal colleagues.

When the Lorsch family decided to emigrate to the United States in 1850, they asked their popular teacher to join them. In July of said year, Friedlein indeed arrived in the USA and established business contacts with Henry Jones, through which he was introduced to B’nai B’rith. After the obligatory year of residence he joined the B’er Shebha Lodge No. 11. That Friedlein intended to stay in the United States is best illustrated by the fact that he became a citizen on October 7th of 1856. At this time he lived under the address 26 Henry Street in New York and had become one of the leading members of B’nai B’rith, among other aspects because he knew many of the other leaders from common study times in Germany and was friends with them. His own actions were now focussed on the Washington Lodge in New York, where he was known as a strong supporter of radical worship service reforms.

His main concern however was another: As early as 1855 Emanuel Moses Friedlein became an honrable member of the United Order True Sisters, one of the first independent women’s organizations in the United States. He had become one of the front-fighters for women’s progress and like few others acted on their behalf. In Hartford, Connecticut, he supported a women’s association and fouhgt for its incorporation. Additionally, he initiated the founding of a Lodge of the UOTS in Chicago and was one of the supervisors of the „Cäcilie Lorsch Deutscher Fortbildungsverein“ in New York, which offered advanced education to women.

Financially, Friedlein was free from any sorrow. He remained unmarried and childless. For a long time he served as librarian for the Maimonides library in New York until his progressing blindness did not allow this work anymore. In 1880 he lived together with the Lorsch family in East 64th Street in New York. Among them was also a relative: His niece had married into the Lorsch family. Through her Emanuel Moses Friedlein was connected to the founding generation of Goldman Sachs. The family was wealthy enough to occupy a housemaid and a cook.

As late as 1884 Friedlein supported the UOTS in their attempt to establish an independent newspaper. The fight for women’s rights had become a major factor in his life. On July 5th of 1897 Emanuel Moses Friedlein died in New York. In his death notice he is listed as one of the most known men of New York. His lifelines are almost forgotten today. And yet this man from Allersheim led a fascinating life and was commited to create a better one for others.

 

Quellen

 

Bayerisches Hauptstaatsarchiv München: Gesandtschaft London 1261.

Wilhelm, Cornelia: The Independent Orders of B’nai B’rith and True Sisters. Pioneers of a new Jewish Identity, 1843-1914. Detroit 2011.

Wilhelm, Cornelia: The Independent Order of True Sisters: Friendship Fraternity, and a Model of Modernity for Nineteenth-Century American Jewish Womanhood.

The Boston Globe vom 18.07.1897.

Dr. Bloch’s Oesterreichische Wochenschrift vom 30.07.1897.

The Menorah. A monthly magazine. Official organ of the B’ne B’rith. Vol. III. July to December 1887. New York 1887.

Wilhelm, Cornelia: Deutsche Juden in Amerika. Bürgerliches Selbstbewusstsein und jüdische Identität in den Orden B’nai B’rith und Treue Schwestern, 1843-1914. Stuttgart 2007.

New York Naturalization Index (Soundex), 1792-1906. Roll 81, F630-F635 (Ford,… Daniel-Friedmann, Xavier).

United States Census, 1880, New York, New York, New York, ED 587.

Wilhelm, Cornelia: Durch die Liebe zur neuen Weiblichkeit: Jüdische Freimaurerinnen in Chicago. In: Schnurmann, Claudia / Wigger, Iris (Hg.): Tales of Two Cities/Stadtgeschichten Hamburg und Chicago. Berlin 2006.

Goldman Sachs Internetpräsenz.