Ein flinker Vogel zieht ins Freilandmuseum...

Der Schlepper zieht ein Wasserfass. Er hat ein Mähwerk, mit dem man Gras mähen kann.

Der Zugvogel im Einsatz mit Messerbalken-Mähwerk und Wasserfass, 1950er oder 1960er Jahre. (Foto: Privatbestand Rosalinde Schmidt)

Der Schlepper ist hellblau. Auf ihm sitzt sein Erbauer.

Stolzer Fahrer: Johann Vogel auf seinem Zugvogel bei einem Umzug, um 1990. (Foto: Privatbestand Rosalinde Schmidt)

Der Schlepper ist hellblau. Die Räder sind rot. Er steht im Museum.

Der Zugvogel bei seiner Übergabe im Fränkischen Freilandmuseum, August 2021. (Inv.nr. 21/78; Foto: Lisa Baluschek)

„Zugvogel“ – das ist ein ebenso humorvoller wie passender Name für einen Schlepper. Erbauer des Zugvogels war, nomen est omen, Johann Vogel, ein Landwirt aus dem südlich von Ansbach gelegenen Dorf Bernhardswinden.

„Erbauer“ ist wörtlich zu nehmen, denn Johann Vogel hat seinen Schlepper in den Jahren 1948/49 komplett selbst konstruiert, mit Unterstützung des örtlichen Schmieds Leonhard Gümpelein. Am 10. Februar 1949 wurde der Zugvogel zugelassen, das Datum verwendete man auch gleich als Fahrgestellnummer.

„Das sind ja lauter Trümmer – das ist ein internationales Fahrzeug!“ kommentiert Vogel die Zusammensetzung des Schleppers nicht ohne Ironie in einer Filmaufnahme. Die „Trümmer“ haben es in sich: Der Motor ist ein starker MWM-2-Zylinder-Dieselmotor mit 20 PS bei 1500 Umdrehungen/Minute. Das Steyr-Schaltgetriebe stammt aus einem Sanitärwagen der Wehrmacht und verfügt über acht Vorwärts- und zwei Rückwärtsgänge. Die Vorderachse befand sich ursprünglich in einem amerikanischen Dodge-Militärlaster, die Hinterachse in einem GMC-Laster. Und weil Johann Vogel auf der Höhe der Zeit war, erhielt der Schlepper noch eine Zapfwelle und ein hydraulisches Hebesystem; beides war damals noch kein allgemeiner Standard. Die Hydraulik stammt aus den Fahrwerken der deutschen Militärflugzeuge JU 88 und He 111 – ein bisschen Flugerfahrung steckt also tatsächlich in diesem Vogel.

Johann Vogel war zur Bauzeit des Schleppers gerade einmal 29 Jahre alt, woher hatte er die Expertise? Während des Zweiten Weltkriegs war er bei der Wehrmacht als Bordmechaniker für die Wartung von Flugzeugen zuständig, sein Schwiegervater war Hufschmied und konnte ihm sicher einige Kniffe zeigen. Die Einzelteile des Schleppers hatte Vogel u. a. in den Kasernen bei Illesheim und Katterbach zusammengetragen – Militärschrott, der aber offensichtlich noch gut zu gebrauchen war.

Der Zugvogel war und ist ein robustes und äußerst flinkes Fahrzeug. Offiziell war er nur für eine Höchstgeschwindigkeit von 16 km/h zugelassen, doch dank der leistungsfähigen Komponenten kann er bis zu 40 km/h fahren – unter den damaligen Schleppern war er geradezu eine Rennmaschine!

Johann Vogel nutzte seinen Schlepper bis ins Jahr 1970 auf dem Feld, danach noch als Standmotor auf dem Hof. Der Zugvogel blieb sein ganzer Stolz, weshalb er ihn noch bis ins höhere Alter hegte und pflegte. Da er ihn immer wieder bei Umzügen und Festen vorstellte, verpasste er ihm einen hellblauen Anstrich und eine Plakette mit den wichtigsten technischen Daten. Selbst als Johann Vogel nicht mehr richtig laufen konnte, setzte er sich noch ab und an auf seinen Schlepper.

Der Zugvogel wurde am 6. August von seiner Tochter Rosalinde Schmidt nebst einigen originalen Unterlagen ans Freilandmuseum übergeben. Sie freut sich sehr, dass er erhalten bleibt und seine Geschichte weitererzählt wird. Wenn seine Wartung abgeschlossen ist, wird er in der Schafscheune aus Weiltingen dem Publikum präsentiert und immer wieder bei Umzügen im Einsatz sein. Als kompletter Eigenbau schließt er bei uns eine inhaltliche Lücke und erweitert unseren kleinen, aber feinen Schlepper-Fuhrpark, der in den letzten Jahren bereits durch die Übernahme eines FAMO Boxer-Kettenschleppers und zweier Lanz Bulldogs aufgewertet wurde.