Fanny Grebenau

Ansichtskarte des Frankfurter Zoo von 1906.

Unweit des Frankfurter Zoos schufen Fanny und Louis Grebenau ihrer Familie ein Zuhause.

An Fanny Grebenau zeigt sich die ganze Unmenschlichkeit des NS-Staates. Sie wurde am 06.08.1880 in Würzburg als Fanny Stern als Tochter des Allersheimers Josef Stern und seiner Frau Karoline, mit Mädchennamen Kaufmann, geboren. Ihr Vater war Besitzer einer Weingroßhandlung, doch es galt neben Karoline noch sieben Geschwisterkinder zu versorgen.

1904 verließ Fanny den elterlichen Haushalt. Sie hatte in Würzburg den Kaufmann Louis Grebenau geheiratet und folgte diesem in seine Wahlheimat Frankfurt am Main. Kurz darauf, am 04.11.1905, wurde der älteste Sohn des Paares, Josef Herbert, geboren. 1907 lebte die kleine Familie unter der Adresse Roederbergweg 39, in unmittelbarer Nachbarschaft des Frankfurter Zoos. Am 9. Mai des Jahres wurde mit Tochter Gustel das zweite Kind des jungen Paares geboren. Doch bald schon bekam das Familienglück erste Risse: Am 02.05.1908 starb, mit gerade einmal zwei Jahren, Josef Herbert. An der Trauer über seinen Verlust konnte wohl auch die Geburt von Carl Grebenau am 27. Juni des Folgejahres nicht viel ändern. Dennoch trieben Louis und Fanny den Aufbau ihrer Familie weiter voran und so erblickte am 24.09.1910 Tochter Hedwig das Licht der Welt. Aus dieser Zeit stammen auch einige Nachweise über die Wohltätigkeit Fanny Grebenaus, so spendete sie etwa 1911 für Glaubensbrüder in Palästina und zum Schuljahr 1912/13 anlässlich des Eintritts von Tochter Gustel in die Realschule der jüdischen Religionsgemeinschaft 10 Mark an die Schulkasse. Als jüngstes Kind komplettierte schließlich am 28.03.1912 Tochter Rosy die Familie.

Aus den Folgejahren fehlen Hinweise auf das Leben Fanny Grebenaus. Die nächste Erwähnung findet sich erst im März 1921, als Fanny 5 Mark die Jüdische Frauenvereinigung Frankfurt spendet. Offensichtlich war sie sich der schwelenden Geschlechterdebatte sehr wohl bewusst und bezog mit ihrer finanziellen Unterstützung Stellung hinsichtlich einer Forderung nach mehr Rechten für Frauen innerhalb der Gemeinden. In privater Hinsicht stach wohl vor allem die Feier der Silbernen Hochzeit heraus, die Fanny und ihr Ehemann Louis am 26.12.1929 begehen konnten. Zu dieser Zeit lebten beide unter der Adresse Sandweg 16, nördlich der Einkaufsstraße Zeil. Später findet sich in den Akten auch ein Verweis auf die Adresse Grünestraße 30, möglicherweise aber nur für Fanny. Zunehmend reifte in den Folgejahren jedoch eine Erkenntnis in den beiden: Sie waren in Frankfurt nicht mehr sicher.

Dennoch wartete das Paar verhältnismäßig lange, bis es handfeste Pläne zur Emigration entwarf. Zu groß war wohl die Hoffnung, der politische Wind würde sich bald wieder drehen und ein Leben in den gewohnten Bahnen und dem liebgewonnenen Zuhause ermöglichen. Am 30.03.1939 jedoch suchte im damaligen Palästina Sohn Carl gemeinsam mit einem Verwandten Fanny Grebenaus und einer weiteren Person einen Anwalt auf, der die Chancen des Ehepaares auf eine Emigration als durchaus realistisch beurteilte und sogleich einen Kollegen in Deutschland instruierte, alles nötige zu veranlassen, um eine Ausreise möglich zu machen. Eindringlich appellierten die Verwandten in einem Brief an Fanny und Louis, sie sollten dem Anwalt mit vollster Kooperation begegnen. Offensichtlich bestand die Angst, das inzwischen ältere Ehepaar könnte die umfangreichen Befragungen durch den Anwalt als Eingriff in seine Privatsphäre auffassen und nur vorsichtig mit ihm zusammenarbeiten. Am 16. September jedoch änderte sich alles: An diesem Tag starb Louis Grebenau und mit ihm möglicherweise auch die Pläne zur unmittelbaren Ausreise seiner Frau. Nicht nur war nun eine Beerdigung zu organisieren, auch der Wunsch dem toten Gatten noch ein wenig nahe zu bleiben und die durch den Todesfall unmittelbar fehlende Kraft für einen beschwerlichen Neuanfang in Palästina mögen dazu beigetragen haben, dass Fanny Grebenau zunächst in Deutschland verblieb.

Über ihr Vermögen konnte sie da bereits nicht mehr frei verfügen. So musste sie am 6. Dezember des Jahres einen Antrag stellen, ihr zusätzlich die außerplanmäßige monatliche Freigabe von 200 RM ihres Ersparten zu gestatten. Mit dem Geld wollte sie ihren Bruder Siegfried unterstützen, der ursprünglich im Oktober 1939 nach England hatte auswandern wollen, jedoch nicht mehr über genügend Barvermögen verfügte und noch dazu schwer blasen- und zuckerleidend war. Lediglich drei dieser Monatsraten wurden ihr von Seiten der Behörden gestattet. Offensichtlich hatte sich Fanny Grebenau zu Beginn des Jahres 1940 weit genug vom Schock durch Louis Tod erholt, um erneut Pläne zur Ausreise voranzutreiben. Am 15. Januar stellte sie einen Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut, da sie vorhabe in Kürze nach Palästina zu emigrieren. Gemäß ihrer Auflistung plante sie, große Teile ihres Haushaltes, abzüglich der Möbel, mit in die neue Heimat zu nehmen. Insgesamt war ihr Umzugsgut jedoch von überschaubarem Wert. Dennoch stellten die Nationalsozialisten Bedingungen: Fanny wurde aufgefordert, die Kleidung ihres verstorbenen Mannes in Gänze an die jüdische Gemeinde in Frankfurt zu spenden. Zwar zeigte sie sich grundsätzlich zu dieser erzwungenen Schenkung bereit, bat jedoch darum, einige Stücke davon auszunehmen, da ihre Kinder sich bereits seit 1935/36 in Palästina aufhielten und noch immer schwer zu kämpfen hätten, zumal sie nun auch noch für den Unterhalt ihrer Mutter würden aufkommen müssen. Darüber hinaus beantragte Fanny am 24. Januar, ihren monatlichen Verfügungsrahmen von 200 RM auf 300 RM zu erhöhen, da sie in einer Pension lebe und besonderer Pflege bedürfe, zumal sie auch ihre baldige Ausreise organisieren müsse.

Statt Verständnis für ihre schwierigen Umstände erwartete Fanny Grebenau in der Folge jedoch etwas ganz anderes: Ein Gerichtsverfahren. Gleich zwei Sachverhalte warf die NS-Justiz ihr im Mai 1940 vor: Zum einen hatte ihr Mann versäumt, den Besitz zweier Lebensversicherungen bei der Steuer anzugeben. Zum anderen hatte es Fanny in der Auflistung ihrer wertvollen Besitztümer versäumt, einige Objekte anzugeben. Konkret handelte es sich um 6 Silbermünzen und 3 Perlen, ein Rähmchen aus Goldblech, einen Löffel und eine Zuckerschaufel. Zwar konnte Grebenau in der Verhandlung glaubhaft versichern, dass Versicherungsgeschäfte Sache ihres Mannes gewesen seien und sie von der Existenz der Versicherungen nichts gewusst habe. Zudem handele es sich beispielsweise bei den Münzen teils um Sammelmünzen, hinter denen sie keinen echten Geldwert vermutet habe. Doch diese Aussagen konnten die Nationalsozialisten, die sich möglichst das gesamte jüdische Vermögen unrechtmäßig aneignen wollten, nicht milde stimmen. Zwar wurde Fanny Grebenau in erster Instanz noch aufgrund eines allgemeinen „Gandenerlasses“ Adolf Hitlers freigesprochen, doch in Berufung wurde das Urteil in zwei Wochen Gefängnis geändert. Gegen eine Zahlung von 100 RM wurde die Strafe für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, doch aus den Versicherungen entstand eine Forderung in Höhe von 1434,30 RM. Im Laufe des Verfahrens wurde zudem ein weiteres Detail offengelegt: Fanny Grebenau litt bereits seit längerem unter Depressionen und war deswegen zweimal stationär behandelt worden, zunächst in der Anstalt für gemütskranke Israeliten des Dr. Würzburger in Bayreuth, später dann im Sanatorium des Dr. Goldschmidt in Bad Homburg.

War es zunächst der Tod des Gatten gewesen, so standen nun die Gerichtsverhandlung und Verurteilung einer Ausreise im Weg. Mit 20 RM im Monat wurden noch 1942 aus Fanny Grebenaus Vermögen die Winterhilfe und andere sozialen Einrichtungen unterstützt. Ob es sich dabei um das allgemeine oder das jüdische Winterhilfwerk handelte, und ob die Zahlungen noch freiwillig erfolgten, kann nicht mehr rekonstruiert werden. Noch im selben Jahr wurde Fanny Grebenau von Frankfurt aus mit unbekanntem Ziel deportiert. Vermutlich landete ihr Transport entweder in Lublin oder Theresienstadt. Kurz darauf wurde Fanny Grebenau ermordet. Ihre Kinder erhielten später für den Schaden an ihrer Freiheit eine Entschädigung in Höhe von 6450 DM zugesprochen.

Fanny Grebenau

The destiny of Fanny Grebenau stands as an example of the inhumanity of the NS-state. She was born in Würzburg on the 6th of August of 1880 as Fanny Stern as the daughter of Josef Stern from Allersheim and his wife Karoline, a born Kaufmann. Her father was the owner of a wine wholesale business, which had to provide for Fanny and her seven siblings.

In 1904, Fanny left her parent’s household. She had married the merchant Louis Grebenau in Würzburg and followed him to his home of choice, Frankfurt am Main. Shortly after, on the 4th of November of 1905, the oldest son of the couple, Josef Herbert, was born. In 1907 the small family lived under the adress Roederbergweg 39, not far from the zoo. On the 9th of May of said year, Gustel was born, the second child of the young couple. Soon however, the domestic happiness was disturbed for a first time: On the 2nd of May in 1908, Josef Herbert, only two years old at the time, died. The grief over his loss was probably only numbed when Carl Grebenau was born on the 27th of June of the following year. Nevertheless, Louis and Fanny continued to build a family and on the 24th of September of 1910, their daughter Hedwig came into the world. From this time there is some evidence of Fanny’s charital activities, she donated for fellow Jews in Palestine for example in It seems that both still hoped that the political wind would change and that a life in the known ways and in the beloved home would soon be possible again. On the 30th of March of 1939 however, son Carl,, along with a relative of Fanny and another person, met a lawyer in Palestine to talk about a possible emigration of his parents. The lawyer claimed that the chances of Louis and Fanny Grebenau for being admitted to the country were realistic and instruced a colleague in Germany to take care of the preparations. In an insistently written letter, their relatives begged the elderly couple to fully cooperate with the lawyer. Seemingly they were afraid that the extensive questions of the lawyer could be seen as a threat to the Grebenau’s privacy and that Fanny and Louis would only cooperate hesitantly. On the 16th of September however, everything changed: On that day Louis died and with him the hopes of his wife for a quick emigration. Not only did she have to organize a burial, she probably also felt the desire to be close to her dead husband a little longer and was maybe lacking the strength for the strenuous new beginning in Palestine.

At this point she was no longer allowed to independently handle her finances. On the 6th of December, she had to file a petition to grant her the unscheduled approval of 200 RM on top of her budget. With this money she wanted to support her brother Siegfried, who had originally planned to emigrate to England in October of 1939 but was now lacking cash assets and suffered of severe bladder and sugar problems. Only three of these rates were granted by the authorities. In the beginning of 1940, Fanny Grebenau seems to have recovered from the death of her husband well enough to once more make plans for her emigration. On the 15th of January, she filed a petition to allow her to take parts of her household with her because she planned to move to Palestine soon. As can be seen from her list, she planned to take with her large pats of her belongings, except for her furniture, but with an overall negligible worth. Nevertheless, the national socialists had conditions: Fanny was asked to donate the clothes of her dead husband to the Jewish community of Frankfurt. While Fanny overall agreed to this, she asked for some pieces to be left out because her children were in Palestine since 1935/36 already and still had to fight hard, especially now that they would have to take care of her as well. Additionally, on the 24th of January she requested to raise her budget from 200 RM a month to 300 RM because she was living in a pension at that time and required special care, while she also had to organize her emigration.

Instead of understanding for these difficult circumstances, something entirely different awaited Fanny Grebenau: a trial. The national-socialists accused her of two separate crimes in May of 1940. Firstly, her husband had missed to declare two life insurances to the tax authorities. Secondly, when she had made a list of all her valuable belongings, she had left some items out, namely six silver coins, three pearls, a frame made from gold plating, a spoon and a sugar shovel. While Grebenau plausibly argued that insurances had been generally handled by her husband at that she didn’t know about the existence of the two life insurances, while she had underestimated the value of the listed items, in some cases not thinking they were authentic, but this did not please the national socialists that had the intention to unrightfully take over as much jewish wealth as possible. The first trial, that ended without a punishment due to a general „absolution“ by Adolf Hitler, was shortly after followed by a second trial that ended with a sentence of two weeks in prison, that later were put on probation for three years against a fine of 100 RM. What remained was a claim of 1434,30 RM for the two insurances. During the course of the court hearing, another detail became public: Fanny Grebenau had long suffered from depression and was treated stationary twice, first in the asylum for Israelites of Dr. Würzburger in Bayreuth, afterwards in the sanatory of Dr. Goldschmidt in Bad Homburg.

While the death of her husband had kept her from emigrating the first time, now the court hearing and the sentence possibly stood in her way. In 1942, Fanny Grebenau gave 20 RM a month to the winter relief and other social organisations. It remians unclear if this was the general or the Jewish winter relief and if the payments were made by choice. In the same year, Fanny Grebenau was deported from Frankfurt to an unknown destination, probably either Lublin or Terezin and shortly after murdered. Her children were later granted 6450 DM of compensation for her compromised freedom.

Quellen

Strätz, Reiner: Biogaphisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945. Würzburg 1989.

Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken.

Geburten-, Sterbe- und Eheregister der Jüdischen Gemeinde Allersheim.

JewishGen – The Home of Jewish Genealogy.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Nr. 518/43055.

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Geni.com – Genealogische Datenbank.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Nr. 518/12360.

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Jahresbericht der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main 1904-1905. Frankfurt 1905.

Neue Jüdische Presse vom 17.05.1907.

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Jahresbericht der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main 1912-1913. Frankfurt 1913.

Vierzehnter Jahresbericht der Jüdischen Frauenvereinigung e. V. zu Frankfurt am Main 1921.

Der Israelit vom 19.12.1929.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Nr. 474/4 100.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Nr. 519/3 1780.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Nr. 519/3 31931.