Globale Spurensuche: Porträt einer jüdischen Landgemeinde

Wer dieser Tage das Fränkische Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken in Bad Windsheim besucht, dem wird eine auffällige Baugrube neben dem Schulhaus aus Pfaffenhofen nicht entgehen. In Ansätzen sind hier bereits die Ausmaße der Synagoge aus Allersheim zu erkennen. Zwischen 2014 und 2015 wurde das Gebäude in Allersheim, einem Ortsteil des unterfränkischen Giebelstadt bei Würzburg, in ganzen Wandteilen abgetragen und nun im Museum wieder aufgebaut. Mit der Synagoge aus Allersheim wird ab 2022 das Thema „Fränkisches Landjudentum“ im Freilandmuseum einen Platz finden. Das Fränkische Freilandmuseum ist damit das erste süddeutsche Freilichtmuseum, in dem eine Synagoge gezeigt wird.

Ausreisepaß von Julius und Sophie Rothstein

In der Grundplatte zum Wiederaufbau der Synagoge aus Allersheim im Fränkischen Freilandmuseum ist die Vertiefung für die Mikwe vorgesehen, Foto Margarete Meggle-Freund

Die Recherchen zur jüdischen Gemeinde weisen jedoch weit über Unterfranken hinaus. In allen Teilen der Welt – von beduinischen Siedlungen in der Wüste Jordaniens bis ins afrikanische Simbabwe – finden sich Spuren unterfränkischer Juden, denen es rechtzeitig gelang, dem Terror und der Gewalt der Nationalsozialisten durch Emigration zu entkommen. Ihre Lebenswege zu rekonstruieren und in einen Austausch mit ihren Nachkommen zu treten ist eine Detektivarbeit, wenn im Rahmen der Ausreise oder durch Hochzeit Nachnamen geändert wurden oder häufige Ortswechsel die Recherche erschweren. Die Lebenslinien müssen häufig aus unterschiedlichsten Quellen rekonstruiert werden – von Zeitungen und offiziellen Dokumenten bis hin zu Archivquellen aus aller Welt. Umso größer ist die Freude über die zahlreichen Nachkommen, die sich bereit erklärt haben, das Museum in seinem Projekt zu unterstützen.

Welche unerwarteten Ergebnisse diese Kontakte hervorbringen können, zeigt beispielsweise der Fall von Julius Rothstein. Julius Rothstein war 1901 einer von zwei jüdischen Männern, die aufgrund der gesunkenen Mitgliedszahl der jüdischen Gemeinde Allersheim deren Auflösung formal beantragten und sich der Nachbargemeinde aus Bütthard anschlossen. Später wanderte er zu seinen Söhnen in die USA aus, wo das Museum nun seine Nachkommen ausfindig machen konnte. Im Besitz der Familie finden sich neben Fotos von Julius und seiner Frau Sophie sowie deren Söhnen, auch noch alte Dokumente und Briefe aus Allersheim, die seltene Einblicke in das Privatleben der Juden im Ort erlauben. Diese Dokumente waren bis jetzt im Familienbesitz und der historischen Forschung unbekannt. Es ist gut möglich, dass noch andere Bild- und Textdokumente dieser Art, über die Welt verteilt, überlebt haben. Das Forschungsteam der Freilandmuseums hofft, bis zur Eröffnung der Synagoge im Jahr 2022 noch mehr spannende Episoden aus der jüdischen Geschichte Frankens aufdecken zu können.

Der Erinnerung an die jüdischen Einwohner Allersheims und deren Nachkommen widmet das Museum auf seiner Website (www.freilandmuseum.de) ein biografisches Tagebuch, in dem die Lebensgeschichten von Julius Rothstein und anderen jüdischen Bürgern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Im Bautagebuch auf der Webseite kann man den Fortschritt der Bauarbeiten verfolgen. Ein noch besseres Bild des Bauvorhabens lässt sich durch einen Besuch im Freilandmuseum gewinnen.

Jonas Blum M. A.