Hannah Rothstein

Brieffragment aus Allersheim aus dem 19. Jahrhundert.

Die Brieffragmente aus dem 19. Jahrhundert erlauben einen Einblick in das dörfliche Leben in Allersheim. Brief: Privatarchiv Gail Koevary.

Die Lebensgeschichte von Hannah Rothstein erlaubt uns einen Blick in die dörfliche Alltagsgeschichte, sind doch die Briefe an sie eines der wenigen bekannten Zeugnisse, die sich aus dem Privatleben der jüdischen Einwohner Allersheims erhalten haben. Geboren wurde Hannah am 15.12.1845 in Urspringen als Hinde oder Hinnele Rothfeld als Tochter von Joel und Berle Rothfeld (Bernai). Sie wurde nach ihrer Großmutter väterlicherseits benannt. Über ihre Kindheit indes ist wenig überliefert.

Die beiden Briefe, die erhalten sind, stammen aus dem Jahr 1868. Zu dieser Zeit war Hannah zu einer jungen Frau herangewachsen, was offenbar auch außerhalb von Urspringen nicht unbemerkt blieb. Der junge Allersheimer Isaac Rothstein war augenscheinlich schwer verliebt und so fallen die Briefe in eine Periode der Hochzeitsanbahnung. Geschrieben hat sie Jette Rothstein, eine Schwester von Isaac, die augenscheinlich in regelmäßigem Briefkontakt mit ihrer Schwägerin in spe stand.

Der erste erhaltene Brief stammt aus dem Juni des Jahres. Aus ihm ist zu entnehmen, dass kurz zuvor Isaac wohl das erste Mal bei der Familie seiner Braut in Urspringen zu Besuch gewesen war. Er ließ Hannah und ihrer Familie für die herzliche Aufnahme danken. In den höchsten Tönen wird Hannah von ihrer Schwägerin gepriesen, Jette wird nicht müde zu betonen, wie verliebt ihr Bruder ist. Zugleich bedauert sie, dass ein gemeinsames Treffen der beiden Frauen nicht zustande gekommen sei, weil eine Einladung zu einem solchen sie zu spät erreicht habe. Augenscheinlich waren die Familien sich abseits des Brautpaares zuvor nicht bekannt gewesen, denn umgehend lädt Jette wiederum Hannahs Familie zum Gegenbesuch nach Allersheim ein und bringt dafür den Büttharder Markt als günstige Gelegenheit ins Spiel. Die Einladung richtet sie dabei an Hannahs ältesten Bruder Benjamin, denn der Vater war offensichtlich zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben. Doch auch Privates erfahren wir aus dem Schreiben. So war Jette in ihrer Mobilität bereits recht eigenständig. Sie berichtet am nächsten Tag nach Würzburg fahren zu wollen, um sich ein passendes weißes Kleid zu dem schlichten weißen Hut zu kaufen, den sie bereits zuvor erworben hatte. Beide Frauen lagen altersmäßig gerade einmal zwei Wochen auseinander und so kann es kaum verwundern, dass Jette sich bei ihrer Schwägerin modischen Rat einholte. Sie selbst hätte gerne ein Seidenkleid gehabt, doch ihre Mutter bestand darauf, dass man Seide nur zu besonderen Anlässen kaufe. Zuletzt bittet sie Hannah um Geduld, denn Isaac sei über Land unterwegs um Geschäfte zu tätigen und es sei deshalb unklar, wann er sich melden könne. Offenbar war der Angesprochene jedoch früher als befürchtet zurückgekehrt und so bedankte er sich selbst auch noch in wenigen Zeilen für die herzliche Aufnahme.

Bis hierhin scheint es sich um einen normalen Austausch zwischen zwei jungen Frauen zu handeln. Der zweite Brief jedoch enthüllt Brisantes. Wenig überraschend waren beide Frauen im Kontakt geblieben, im Schreiben ist etwa von Neujahrsgrüßen (gemeint ist hier das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana) die Rede. Doch das Prinzip Stille Post funktionierte auch im ländlichen Franken hervorragend. In einem der Briefe, die Jette ihrer Schwägerin übersandte, muss sie sich dieser gegenüber im Ton vergriffen haben – so zumindest das Gerücht, welches in Allersheim kursierte und dort einen kleinen Skandal auslöste. Das ganze ging soweit, dass Jette von anderen Gemeindemitgliedern Vorhaltungen gemacht wurden, wie sie in ihrem Brief vom 16. September berichtet. Verzweifelt und wohl auch etwas wütend fragt sie bei ihrer Schwägerin nach, was Schlimmes in ihrem Schreiben enthalten gewesen sei, das all den Aufschrei rechtfertige. Jette sinniert, ob Hannah Grund habe ihr schaden zu wollen, auch wenn sie ihr dies eigentlich nicht zutraue. Sie bittet ihre Schwägerin, ihr den besagten Brief zurückzuschicken, damit sie ihn den anderen Mitgliedern der Gemeinde vorlegen könne, um das Missverständnis aufzulösen. Andernfalls sei sie sogar bereit, einen Boten nach Urspringen zu schicken, so sehr hatte ihre Reputation wohl bereits gelitten. Auch die Möglichkeit, dass andere aus dem Dorf ihrer Schwägerin Lügen zugetragen haben könnten, eruierte Jette.

Wo nun am Ende die Wahrheit liegt, ob Jette tatsächlich die Regeln des guten Benehmens ihrer Zeit gesprengt hatte oder im nachbarschaftlichen Tratsch ein Skandal ohne Grundlage entfacht war, lässt sich heute leider nicht mehr sagen. Der Hochzeit zwischen Isaac und Hannah jedenfalls scheint der Aufschrei nicht geschadet zu haben. Am 29.04.1869 gaben sich beide in Allersheim das Eheversprechen. In den kommenden sieben Jahren komplettierten die Kinder Regina, Julius und Friethe das Familienglück.

Schon zehn Jahre nach der Hochzeit starb Isaac Rothstein. Seine Frau lebte fortan mit den Kindern als Witwe in Allersheim und erlebte so die Ausläufer eines aktiven Gemeindelebens im Dorf. Nachdem sie eine zeitlang lediglich ein halbes Wohnhaus in einer Art geteilter Nutzung bewohnt hatte, wurde sie schließlich in der Hausnummer 51 heimisch. Auffällig ist fortan besonders ihre Spendenbereitschaft. Für Bedürftige aus der ganzen Welt fasste sie sich ein Herz, so gingen ihre Spenden etwa an die russische Grenze, ins litauische Klaipeda, ins Heilige Land oder nach Saloniki. Auch Hannah Rothstein war jedoch kein langes Leben vergönnt. Am 02.05.1896 verstarb sie in Allersheim und fand hier, wo sie einst Teil eines waschechten Skandals gewesen war, ihre letzte Ruhe.

 

Hannah Rothstein

 

The biography of Hannah Rothstein allows us to take a look into the history of rural everyday’s life since her letters are among the few known preserved documents that shed light on the private lives of jewish inhabitants from Allersheim. She was born on December 15th of 1845 in Urspringen as Hinde or Hinnele Rothfeld as a daughter of Joel and Berle Rothfeld (Bernai). She was named after her paternal grandmother. Unfortunately, little is known about her childhood and youth.

Both of the letters that have survived are from the year 1868. At this point Hannah had grown into a young woman, which was seemingly noticed not only in Urspringen. The young Isaac Rothstein from Allersheim was heavily in love and so the letters were written during a period shortly before the planned marriage. They were written by Jette Rothstein, a sister of Isaac, which semmingly was in steady contact with her sister-in-law to be.

The first letter is from June of said year. It tells us that shortly before, Isaac had visited Hannah’s family in Urspringen for the first time. He thanked her and her family for the kind reception. Jette does not get tired to praise her sister-in-law. At the same time she continues to state how much Isaac is in love. She regrets that a suggested meeting between the two women could not take place because the offer had reached Jette too late. It seems that the two families were not familiar with each other before the marriage because Jette immediately invited Hannah’s family to visit them in Allersheim to get to know each other and stated that the market day in Bütthard would be a good opportunity to do so. She adressed her invitation to Hannah’s oldest brother Benjamin because her father had already died at that time. But the letter also includes private aspects. We learn that Jette was already very independently mobile. She planned to visit Würzburg the next day in order to buy a white dress fitting the white hat that she had already bought in the city earlier. Both women were born within two weeks of each other, so it can not surprise that Jette asked Hannah for her fashion opinions. Jette would have liked to buy a silk dress but her mother insisted that silk was only to be bought on special occasions. Finally she asked Hannah to be patient because Isaac had to travel for business reasons and it was unclear when he would return. This seemingly happened sooner than expected because Isaac added a few lines himself at the end, once again thanking Hannah’s family for the warm reception.

Up to this point everything seems like a normal conversation between two young women. The second letter however is far more controversial. Unsurprisingly both women had stayed in contact, the letter among other things mentions new year’s wishes (referring to Jewish new year – Rosch ha-Schana). But the principle of „whisper down the lane“ worked quite well in rural Franconia. In one of the letters that Jette had sent to Hannah she must have adopted the wrong tone – at least these were the rumors that spread in Allersheim and caused a small scandal. Jette was confronted by other members of the community which criticised her for her behavior, as she stated in her letter from September 16th. Desperate and maybe also a little angry she asked her sister-in-law, what the cause was for these rumors. She thought about if maybe Hannah wanted to harm her, even though she actually held her in high regards. To restore her reputation, she asked her to send the letter back to her so that she could show it to the other members of the community and clear up the misunderstanding. Otherwise she insisted on sending a messenger to Urspringen to pick up the letter. She also considered the possibility that others from the village could have told lies about her to Hannah.

Where the truth lies in the end, whether Jette had really bent the rules of good behavior or neighborly gossip had caused a scandal without a basis is hard to say today. The marriage between Isaac and Hannah was not harmed at least. On April 29th of 1869 the ceremony took place in Allersheim. In the following seven years their children Regina, Julius and Friethe completed the family.

Ten years after the marriage, Isaac died. Hannah kept living in Allersheim with her children in house number 51, after she had for a long time shared a house with another tenant and experienced the falling apart of the small community. What stands out is her willingness to donate money. She had a heart for people in need all over the world and so her donations went to destinations such as the russian border, the lithuanian town of Klaipeda, the Holy Land or Saloniki.

But Hannah, too, died young. On May 2nd of 1896 her life ended in Allersheim and she was buried in the small village in which she once upon a time had been involved in a small scandal.

 

Quellen

 

E-Mail-Auskunft von Leonhard Scherg.

E-Mail-Auskunft und Archiv von Gail Koevary.

Geburten-, Sterbe- und Eheregister der Jüdischen Gemeinde Allersheim.

United States Holocaust Memorial Museum: Holocaust Survivors and Victims Database.

Notizen aus den Akten der Geheimen Staatspolizei=Gestapo Würzburg im Staatsarchiv Würzburg.

New York Passenger and Crew Lists, 1909, 1925-1957. 6555 – vol 14104-14105, Jun 21, 1941.

Gemeindearchiv Giebelstadt Abt. Allersheim Karton 28 Akt 9.

Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken.

Family Search – Genealogische Datenbank.

Leo Baeck Institute Archives: Jacob Jacobson Collection, Box 7, Folder III.1.

Staatsarchiv Würzburg.

Der Israelit vom 23.06.1869.

Der Israelit vom 01.06.1881.

Der Israelit vom 28.06.1882.

Der Israelit vom 17.10.1887.

Der Israelit vom 20.11.1890.

Der Israelit vom 25.12.1890.