Heinrich Baumann

Schwarz-Weiß Fotografie von Heinrich und Jenny Baumann vor einem Haus.

Ein Moment des Glücks in einer schwierigen Lage: Heinrich und Jenny Baumann waren die letzten Juden in Allersheim.

Die Ermordung von Heinrich Baumann und seiner Frau Jenny stellt das Ende jüdischen Lebens in Allersheim dar. Doch wer war der Mann, der lange nachdem die anderen jüdischen Familien den Ort bereits verlassen hatten noch immer dort lebte und seinen Dienst versah?

Heinrich Baumann wurde am 26.08.1877 als Selig Hirsch Baumann als Sohn von Jakob und Amalie Baumann, einer geborenen Rosenfelder, in Untererthal geboren. Der Ort Allersheim trat erstmals in sein Leben, als sein Vater Jakob dort 1903 die Stelle als Aufseher über den großen jüdischen Friedhof antrat. Während die Eltern mit seinen beiden jüngeren Geschwistern daraufhin ihren Wohnsitz dorthin verlegten, war Heinrich zu dieser Zeit bereits alt genug um ein selbstständiges Leben zu führen und trat dementsprechend die Reise nicht mit an. Stattdessen lernte er seine Frau Jenny, eine geborene Blumenthal, kennen und ließ sich mit ihr in Jennys Heimat Mosbach nieder. Das junge Familienglück komplettierte die Geburt der Töchter Amalie und Stefanie Zerline. Ein weiterer Sohn verstarb kurz nach seiner Geburt an Dyptherie.

Wie also kam es, dass Heinrich sich schlussendlich doch noch in Allersheim niederließ? Der Grund dafür war ein Versprechen, das er seinem Vater gegeben hatte. Jakob Baumann hatte seinen Sohn gebeten, nach seinem Tod die Pflege des Allersheimer Friedhofes zu übernehmen. Nachdem dieser am 14.07.1920 eingetreten war, war es für Heinrich an der Zeit, sein Versprechen in die Tat umzusetzen. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern erfolgte am 06.04.1921 der Umzug. Die Familie war zunächst alles andere als glücklich über das neue Zuhause. War Mosbach zumindest eine Kleinstadt mit einer aktiven jüdischen Gemeinde und einem eigenen Kulturleben, so war beides im kleinen Allersheim vergeblich zu suchen. Im Haus mit der Nummer 55 versuchten die Eltern nach Kräften, dennoch ein neues Zuhause zu schaffen. Da das geringe Gehalt als Friedhofspfleger nicht ausreichte um die Familie zu ernähren, betrieben Heinrich und Jenny daneben einen kleinen Laden mit Textilien und Schulartikeln am Ort. Heinrich vertrieb seine Waren auch als Hausierer und trug sie im Umland mit dem Korb auf dem Rücken von Tür zu Tür. Hauptabnehmer waren neben den örtlichen Bauern Arbeiterfamilien aus den Steinhauergemeinden der näheren Umgebung. Um trotz fehlender Gemeinde den beiden Töchtern ihren Glauben näherzubringen, engagierten die Eltern einen religiösen Hauslehrer, der regelmäßig den Weg nach Allersheim auf sich nahm.

Es schien also alles so, als könnte sich die Familie im neuen Zuhause arrangieren. Die Töchter besuchten die örtliche Schule, die Eltern konnten sich mithilfe des Ladens über Wasser halten und es entstanden Kontakte zu Kunden und Nachbarn. Doch mit dem Siegeszug des Nationalsozialismus endete auch die Hoffnung der Familie Baumann auf ein ruhiges Leben unter Nachbarn. Bereits am 03.09.1934 stand die Gendarmerie vor der Tür: Ein Nachbar hatte die Behörden wegen eines unzulässigen Rauchabzugsrohres informiert, diese verboten daraufhin die weitere Benutzung. In der Folge wurde die Familie im Ort immer stärker isoliert. 1939 wurde dann sogar ihr Wohnhaus, ursprünglich im Besitz der Friedhofskooperation Allersheim, zwangsverkauft. Den Baumanns wurde lediglich ein dauerhaftes Bleiberecht eingeräumt. Noch schwerer jedoch wog, dass es Heinrich Baumann ab dem 01.01.1939 untersagt war, seinen Laden weiter zu betreiben. Die Familie musste nun von dem geringen Einkommen als Friedhofswärter und Erspartem leben. Immer offener trat ihr nun der Hass des Dorfes entgegen. In den örtlichen Geschäften bediente man sie nicht mehr, immer mehr Einwohner mieden aus Abneigung und Furcht den Kontakt. Einige wenige Ortsnachbarn gab es angeblich, die die Familie unterstützten, indem sie des Nachts Einkäufe an vereinbarten Stellen deponierten, um so zumindest die nötigste Versorgung der Baumanns sicherzustellen. In Briefen an die in der Schweiz lebende Tochter Amalie offenbarte sich das Leid der Eltern, wenn diese davon sprachen, dass „Onkel Lechem“ (das hebräische Wort für Brot) in letzter Zeit kaum noch zu Besuch komme. Mehrfach überquerte Amalie daraufhin illegal die Grenze, um die Eltern zu besuchen.

Inzwischen war unverkennbar, dass eine Ausreise die einzige Möglichkeit sein würde, um dem brutalen Hass in Deutschland zu entkommen. Amalie und Stefanie, denen die Emigration glückte, bemühten sich aufopferungsvoll darum ihre Eltern in Sicherheit zu bringen. Am 16.10.1941 beispielsweise beantragte Heinrich Baumann ein Visum für die von Tochter Stefanie organisierte Ausreise nach Ecuador, die jedoch ebenso nicht stattfand wie eine geplante Emigration nach Bolivien. Stefanie hatte sogar gültige Visa für Großbritannien organisiert, doch auch diese verfielen ungenutzt. Warum Heinrich und Jenny nicht emigrierten, das bleibt ungewiss. Möglicherweise fiel es Heinrich schwer, das Versprechen an seinen Vater zu brechen. Vielleicht war eine Ausreise zu dieser Zeit aber auch schlicht nicht mehr möglich.

Wenig später beendeten die Nationalsozialisten alle Pläne zur Emigration. Am 19.03.1942 wurde Heinrich Baumann gemeinsam mit seiner Frau nach Izbica deportiert und anschließend ermordet. Angeblich hatte er zuvor noch Gelegenheit, sich von den wenigen Dorfbewohnern zu verabschieden, die noch heimlich Kontakt zu ihm gehalten hatten. Mit der Ermordung von Heinrich und Jenny Baumann fanden Jahrhunderte jüdischen Lebens in Allersheim ein Ende. Nur der Friedhof steht immer noch und erinnert an den Mann, der einst den weiten Weg auf sich genommen hatte, um sein Verprechen zu halten und die Toten zu ehren.

 

Heinrich Baumann

 

The murder of Heinrich and Jenny Baumann was the end of Jewish life in Allersheim. But who was this man, that lived and worked in Allersheim, long after the other Jewish families had left?

Heinrich Baumann was born on the 26th of August of 1877 in Untererthal as Selig Hirsch Baumann as the son of Jakob and Amalie Baumann, a born Rosenfelder. His first connection to Allersheim was built, when his father Jakob accepted to work as a cemetery keeper for the large Jewish cemetery there in 1903. While his parents moved to Allersheim, along with his two younger siblings, Heinrich at that point was already old enough to lead an independent life and thus did not accompany his family. Instead he met his wife Jenny, a born Blumenthal, and moved to her hometown of Mosbach. The young family was completed by the two daughters Amalie and Stefanie Zerline. A third child, a boy, died of diphtheria soon after his birth.

How then is it that Heinrich did settle in Allersheim in the end? This has to do with a promise that he had given to his father. Jakob Baumann had asked his son to take care of the cemetery after his death. When this day came on the 14th of July of 1920, the time had come for Heinrich to fulfil his promise. Along with his wife Jenny and their two daughters, Heinrich moved to Allersheim on the 6th of April of 1921. The family was not really happy about the new surroundings. While Mosbach had been at least a small town with an active Jewish community and a small cultural scene, Allersheim had neither. In house number 55, the parents did their best to make the place a home nevertheless. Since the small salary of a cemetery keeper was not enough to feed a family, they established a small shop for textiles and school articles. Heinrich also sold his goods from door to door in the area with a basket on his back. His main customers were local farmers and working class families from the near mason towns. To keep their daughters in touch with the Jewish faith, despite the lack of a community in Allersheim, Heinrich and Jenny paid a religious teacher to come to Allersheim from time to time and teach the girls.

It seemed as if the family would be able to come to terms with their new home. The girls visited the local school, the parents were able to make a living with their shop and relationships to customers and neighbors seemed to be established. But the victory of national socialism ended all hopes of a peaceful life amongst neighbours. On the 3rd of September of 1934, already, the local police showed up. A neighbor had complained to authorities about an illegal chimney, which the police forbid Heinrich Baumann to use further. More and more, the family was isolated within the town. In 1939 their home, which originally belonged to the cemetery cooperation Allersheim, was forcibly sold. Heinrich and Jenny Baumann were only permitted a permanent right to live in the house. However, on the 1st of January of 1939 the couple was also forced to close the shop and now only had Heinrich’s small salary as a cemetery keeper and their savings to pay for expenses. The hate towards Heinrich and Jenny became more and more openly displayed. They were no longer permitted as customers in the local shops and many neighbors stopped talking to them out of hatred or fear. It is said that there were only a few who supported the Baumanns by dropping groceries at agreed locations at nighttime, to at least allow them to eat. How desperate the situation had become is displayed by letters to daughter Amalie, in which her parents write that „Uncle Lechem“ (the Hebrew word for bread) did not visit them often at the moment. On more than one occasion, Amalie, who lived in Switzerland at the time, crossed the border illegaly to visit her parents.

In the meantime it was very clear that emigration was the only way to escape the brutal hatred in Germany. Amalie and Stefanie, who both successfully escaped, did everything to get their parents out of the country. On 16th of October of 1941, for example, Heinrich Baumann filed for a visa to Ecuador, because Stefanie had found a way to guarantee a spot for them there. However this emigration was never carried out, which is also the case for plans to move to Bolivia. Stefanie even secured her parents visa to go to Great Britain, but they were never used. Why Heinrich and Jenny Baumann did not leave Germany remains unclear. If Heinrich did not want to break his promise or if it was just no longer possible at the time can only be guessed.

Shortly after, the Nazis ended all emigration plans. On the 19th of March of 1942, Heinrich and Jenny were deported to Izbica and murdered soon after. It is said that they had been able to say Goodbye to the very few people that had still supported them in Allersheim. With their murder, a century long presence of Jewish life in Allersheim ended. Only the cemetery remains and gives witness to the life of this man, who came a long way to keep a promise and honor the dead.

 

Quellen

 

Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken.

Braun, Joachim: Der Jüdische Bezirksfriedhof von Allersheim im Wandel der Zeiten. In: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst Nr. 46. Würzburg 1994.

Gemeindearchiv Giebelstadt Karton 28 Akt 9.

Braun, Joachim: Geschichte der jüdischen Gemeinde von Allersheim im Ochsenfurter Gau. In: Würzburger Diözesangeschichtsverein (Hg.): Würzburger Diözesangeschichtsblätter. 69. Band, Sonderdruck. Würzburg 2007.

Engert, Ludwig: Chronik der Marktgemeinde Allersheim. Würzburg 1993.*

Landesarchiv Baden-Württemberg Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 386 Bü 575.

Telefonische Auskunft Jennifer Herrmann.

New York, Southern District, U.S. District Court Naturalization Records, 1824-1946. Petitions for naturalization and petition evidence 1944 box 972, no 499312-499500.

Briefverkehr mit Janet Sullivan.

Gemeindearchiv Giebelstadt.

E-Mail-Auskunft von Herrmann Wichers (Staatsarchiv Basel-Stadt).

 

*: Die von Ludwig Engert vorliegende Chronik gibt in Teilen antisemitische Erzählungen und Stereotype wieder. Ihr Quellenwert ist somit vorsichtig zu beurteilen und das Werk ist in jedem Fall quellenkritisch zu hinterfragen.