Ignace Rhodes

Schwarz-Weiß Foto von Ignace Rhodes vor einem Automobil

Ignace Rhodes vor seinem Automobil. Foto: Privatarchiv Gail Koevary.

Schwarz-Weiß Fotografie von Ignace Rhodes.

Portrait von Ignace Rhodes. Foto: Privatarchiv Gail Koevary.

Ignace Rhodes mit seiner Frau im Urlaub in den Bergen.

Ignace Rhodes mit seiner Frau Lina beim Urlaub in den Bergen. Foto: Privatarchiv Gail Koevary.

Schwarz-Weiß Foto der Fußballmannschaft "FC Viktoria Würzburg" mit Ignace Rhodes.

Ignace Rhodes (rechts mit Schild) im Kreise seiner Mannschaft beim FC Viktoria Würzburg. Foto: Privatarchiv Gail Koevary.

Als Wanderung zwischen zwei Welten lässt sich die Lebensgeschichte von Ignace Rhodes möglicherweise am besten beschreiben. Geboren wurde er am 10.06.1908 in Gaukönigshofen als Ignaz Rothstein. Seine Eltern waren der ehemalige Allersheimer Julius Rothstein und dessen Ehefrau Sophie, eine geborene Welsch. Von 1915 bis 1918 besuchte Ignaz die Volksschule seines Geburtsortes.

Der weitere Bildungsweg des Jungen erforderte jedoch einen drastischen Einschnitt. Mit gerade einmal neuneinhalb Jahren zog Ignaz aus dem Elternhaus zu seinem Bruder Justin nach Würzburg, um dort zwischen 1918 und 1924 die Kreisoberrealschule besuchen zu können. Die enge Verbundenheit der beiden Brüder zeigt sich etwa in einer gemeinsamen Spende an den Jüdischen Nationalfonds.

Im Anschluss an seine schulische Bildung arbeitete Ignaz Rothstein zwischen dem 01.11.1924 und dem 31.10.1926 als Lehrling und dann noch einmal bis zum 01.07.1927 als Handlungsgehilfe in der Textilwarengroßhandlung der Gebrüder Schiff in Würzburg, die sich mit den Leistungen des jungen Mannes sehr zufrieden zeigten. In seiner Freizeit war dieser Stammgast auf den Fußballplätzen des Umlandes, für den FC Viktoria Würzburg und den SV Gaukönigshofen absolvierte er Partien. Bald darauf begann für Ignaz ein neues Kapitel als Mitarbeiter der elterlichen Immobilien- und Viehhandelsgesellschaft „Löb Weikersheimer Nachfolger“ in seinem Geburtsort. Bis Mai 1933 war er in sämtlichen Bereichen des Betriebes tätig. Doch die Stadt lockte den Handelsmann und so fand er sich anschließend in Mainz wieder, wo Ignaz ab dem 01.06.1933 unter anderem als Hilfskonfektionär bei der Herrenkleiderfabrik „Scheuer und Plaut A.G.“ Beschäftigung fand. In Mainz ist der junge Mann unter den Adressen Josephstraße 60, Kaiserstraße 29 und später auch in der Rheinallee nachweisbar.

Im Februar 1937 trat Ignaz Rothstein eine erste USA-Reise an, zunächst nur als Gast seines Bruders Justin, der zu diesem Zeitpunkt bereits emigriert war. Zurück in Deutschland wurde er im Rahmen der Reichspogromnacht übel zusammengeschlagen und inhaftiert. Sein Glück war es jedoch, dass er von seiner USA-Reise noch gültige Ausreisepapiere besaß. So gelang ihm noch die Emigration und er konnte am 25.11.1938 an Bord der „Manhattan“ von Hamburg kommend New York erreichen. Er hatte selbst für seine Überfahrt bezahlt und brachte 52 Dollar mit in die neue Heimat. Zunächst fand Ignaz bei seinem Bruder Justin ein Obdach und bemühte sich, seine stark limitierten Englischkenntnisse aufzubessern. 1940 lebte er dann als Mieter in einer Wohnung in Nummer 215 West 102 Street NY. Gemeinsam mit Bruder Justin gelang es, die späte Ausreise der Eltern zu finanzieren. Während all dieser Zeit war das enge Band zu seinem Bruder ein Rückhalt für Ignaz, oft sprach er mehrmals täglich mit Justin, der ihm überdies als Berater in Geschäftsfragen diente.

1944 war Ignaz Rothstein umgezogen, er wohnte nun in Nummer 206 West 109 Street und verdiente sich sein Geld mit dem Austragen von Eiern und Butter. Ausgerechnet in dieser Funktion begegnete er auch seiner Ehefrau Lina Levi, die, ebenfalls als jüdisch-deutsche Emigrantin, in einem der Haushalte, die Ignaz mit Eiern belieferte als Köchin angestellt war. Am 24.06.1944 heiratete das Paar. Durch den Erwerb der amerikanischen Staatsbürgerschaft öffnete sich zur selben Zeit auch formal ein neues Kapitel. Die Geburt von Tochter Gail komplettierte am 10.05.1948 das junge Familienglück.

Am 06.06.1952 folgte die Namensänderung. Aus Ignaz Rothstein aus Gaukönigshofen wurde in New York Ignace Rhodes, von Freunden und Familie oft schlicht „Iggy“ gennant. Bald schon erwachte in Ignaz Rothstein der Unternehmergeist: Zunächst versuchte er durch die Produktion von Marmeladen, Gelees und Bouillonwürfeln ein Auskommen zu erwirtschaften. Anschließend verkaufte er eine spezielle patentierte Technik zur gleichmäßigen elektrostatischen Verteilung von Öl in Pfannen an Großbäckereien und gründete die Firma „Electro Dispersion Corporation“, mit der er auch diverse weitere Patente hielt. Später nutzte er diese Technologie, um Bauteile zu entwickeln, die das Brotbacken in großen Öfen beschleunigten und verbesserten. Diese Technik wurde ein großer Erfolg und von Ignace Rhodes in den USA, sowie in Kanada, Japan, Europa und auch in Deutschland verkauft, wo beispielsweise die Firma „Paech-Brot“ zum Kundenstamm gehörte.

Über allen Geschäften vergaß Ignace nie seinen Glauben. Noch 1976 wurde er nach einem Umzug in eine neue Nachbarschaft als neues Mitglied der Lincoln Square Synagoge aufgenommen. Auch unter schwierigsten Bedingungen auf Geschäftsreisen hielt er sich stets an die Speisegesetze und die Sabbathruhe. Am 27. Februar 1984 starb Ignace Rhodes in New York, für seine Tochter Gail und seine Enkel Jonathan und Daniel bleibt er unvergessen. Weit entfernt vom beschaulichen Gaukönigshofen, in der Metropole New York, fand Ignaz Rothstein das Glück, das ihm in seiner Heimat verwehrt worden war.

 

Ignace Rhodes

 

Perhaps the biography of Ignace Rhodes can be best described as a journey between two worlds. He was born on the 10th of June 1908 in Gaukönigshofen as Ignaz Rothstein. His parents were Julius Rothstein, formerly of Allersheim, and his wife Sophie, a born Welsch. From 1915 to 1918, Ignaz attended his hometown school.


However, furthering the boy’s education made a drastic step necessary. At only 9 1⁄2 years of age, Ignaz left his parents home to live with his brother Justin in Würzburg, where he could be educated at the district’s higher vocational school, remaining there from 1918 to 1924. The close bond between the brothers shows, for example, through a mutual donation to the Jewish National Fund. Following his school education, Ignaz Rothstein worked as an apprentice (01.11.1924-31.10.1926) and as a salesclerk (until 01.07.1927) in the draper’s shop of the brothers Schiff in Würzburg, who were very satisfied with his work. In his free time, he was often seen on the local soccer pitches as a player for FC Viktoria Würzburg and SV Gaukönigshofen. Shortly after, a new chapter began for Ignaz when he joined the real estate and cattle trade company „Löb Weikersheimer Nachfolger“, which was run by his parents in Gaukönigshofen.

Until May 1933, he worked in all areas of the company. But the young man was drawn to the big city and so he moved to Mainz where he worked as an assistant clothing manufacturer for the company „Scheuer und Plaut A.G.“ beginning the 1st of June 1936. In Mainz he lived at Josephstraße 60, Kaiserstraße 29 and later on Rheinallee.

In February 1937 Ignaz Rothstein took his first journey to the United States to visit his brother Justin who had already emigrated. Back in Germany, he was brutally beaten up and arrested during the November pogroms. His good fortune was that he still possessed valid travel documents from his journey to the United States. With these documents, he was able to emigrate and he reached New York on the 25th of November 1938 on board the „Manhattan“, sailing from Hamburg. He had paid for his own passage and brought $52 to his new home. Ignaz was taken in by his brother Justin at first and worked to improve his limited English language skills. In 1940, he lived as a tenant at 215 West 102 Street, New York. With his brother he was able to pay for the late emigration of his parents to the United States. During all this time, the bond to Justin was a strong support for Ignaz, who often spoke to Justin multiple times a day and also consulted him in matters of business.

By 1944 Ignaz had moved to 206 West 109 Street and made a living by distributing eggs and butter from door to door. It was precisely at this job that he met his future wife, Lina Levi. Lina was also a Jewish-German emigrant and worked as a cook in one of the households that Ignaz Rothsein delivered his goods to. On the 24th of June 1944, the couple married. Around the same time, Ignaz became an American citizen. The birth of daughter Gail on the 10th of May 1948 completed the small family, which also included Ignace’s mother, Sophie.


On the 6th of June 1952, Ignaz Rothstein changed his name to Ignace Rhodes. To friends and family he was simply „Iggy“ anyway. Increasingly his entrepreneurship began to pay off. At first Ignace tried to make a living by producing jam, jellies and bouillon cubes. Afterwards he sold a specially patented technique to spread oil in pans electrostatically to big bakeries and founded the company, „Electro Dispersion Corporation“, with which he also held several other patents. Later he used this technique to develop components to speed up and improve the baking process in large ovens. These components became a great success and were sold by Ignace not only in the United States, but also in Canada, Japan, Europe and Germany, where „Paech-Brot“ was one of his regular customers.


Throughout his life, Ignace Rhodes never forgot his faith. As late as 1976, after having moved to a new neighborhood on New York City’s upper west side, he was welcomed as a new member of the Lincoln Square Synagogue. Even under the most difficult conditions as a traveling salesman, he never forgot to follow Kashrut or honor the Shabbat. On the 27th of February 1984, Ignace Rhodes died in New York. His unforgotten memory lives on in his daughter Gail and grandsons Jonathan and Daniel. Far away from the placid Gaukönigshofen, in the metropolis of New York, Ignaz Rothstein found the happiness that he had been denied in Germany.

 

Quellen

 

New York, Southern District, U.S. District Court Naturalization Records, 1824-1946. Petitions for naturalization and petition evidence 1944 box 906 no 479101-479150.

Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken.

Gemeindearchiv Giebelstadt Karton 28 Akt 9.

E-Mail-Auskunft von Gail Koevary.

Jüdische Rundschau vom 19.08.1919.

Main-Post: Sportverein feiert 90-jähriges Bestehen. 2009.

New York Passenger and Crew Lists, 1909, 1925-1957. 6254 – vol 13463-13465, Nov 25, 1939.

E-Mail-Auskunft von Ramona Weisenberger (Stadtarchiv Mainz).

Greve, Barbara: Nachkommen der Familie LEVI aus Ottrau/Hessen.

New York Passenger and Crew Lists, 1909, 1925-1957. 5932 – vol 12756-12758, Feb 4, 1937.

New York Book Indexes to Passenger Lists, 1906-1942. Roll 749 Cunard, Anchor, Red Star, White Star, 1937 Jan.

United States Census, 1940, New York, New York City, Manhattan, Assembly District 15, 31-991 New York City, Manhattan Borough Assembly District 11 (Tract 187 – part).

Braun, Joachim: Geschichte der jüdischen Gemeinde von Allersheim im Ochsenfurter Gau. In: Würzburger Diözesangeschichtsverein (Hg.): Würzburger Diözesangeschichtsblätter. 69. Band, Sonderdruck. Würzburg 2007.

Aufbau vom 14.07.1950.

Aufbau vom 20.02.1942.

Notizen aus den Akten der Geheimen Staatspolizei=Gestapo Würzburg im Staatsarchiv Würzburg.

New York Passenger and Crew Lists, 1909, 1925-1957. 6555 – vol 14104-14105, Jun 21, 1941.

United States Holocaust Memorial Museum: Holocaust Survivors and Victims Database.

Family Search Genealogische Datenbank.

Lyncoln Square Synagogue, Rosh Hashana 5737 Volume 12 Number 1.