Siegfried Gütermann

Karte der Bahnstrecke nach Creglingen

Bei der Erweiterung des Bahnverkehrs nach Creglingen war Siegfried Gütermann ein wichtiger Akteur. Hier eine zeitgenössische Karte des Streckenverlaufes.

Siegfried Gütermann wurde am 13.06.1874 als Sohn von Moses Gütermann und der gebürtigen Allersheimerin Helene (auch Kaja bzw. Chaya) Gütermann (einer geborenen Friedlein) in Archshofen geboren. Am 30.08.1906 verehelichte er sich in deren Geburtsstadt Öhringen mit der sieben Jahre jüngeren Carry Kocherthaler. Gemeinsam folgte schon bald das Glück des ersten gemeinsamen Kindes, am 14.09.1907 wurde Sohn Julius in Archshofen geboren.

In Erscheinung trat die junge Familie jedoch vor allem in der nahegelegenen Stadt Creglingen, wo Siegfried unter der Adresse Bahnhofstrasse 283 gemeldet war. In Creglingen war Siegfried Gütermann als Viehhändler tätig und betrieb eine eigene Handlung. Der Viehhandel war zu dieser Zeit für jüdische Bürger ein gängiger Erwerbszweig und bot durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes erhebliche Wachstumspotentiale. Es verwundert daher nicht, dass Siegfried Gütermann im März 1926 einer der Vertreter der jüdischen Viehhändler in Creglingen war, die sich für die Bereitstellung eines ständigen vierten Zugpaares an Sonntagen auf der Lokalbahnlinie Weikersheim – Creglingen einsetzten. In seinem Fall blieb es jedoch nicht bei Forderungen, viel mehr unterstützte er auch finanziell die Umsetzung des Projektes im Mai des Jahres.

Von Außen betrachtet ähnelt der Lebenslauf Siegfried Gütermanns dem vieler anderer junger Männer seiner Zeit. Beruflich erfolgreich, in seiner Gemeinde fest verankert und Vater einer jungen Familie. Doch Siegfried Gütermann war jüdischen Glaubens und dies sollte ihm schon bald brutal vorgehalten werden. Denn in Creglingen begannen die Repressionen gegen jüdische Mitbürger weitaus früher als in vielen anderen Städten Deutschlands. Bereits am 25.03.1933 kam es zu brutalsten Misshandlungen, in einem Fall sogar mit Todesfolgen. Damit wird Creglingen in vielen Quellen als Stadt mit dem ersten nationalsozialistischen Mord im Rahmen der Schoah bezeichnet.

Auch Siegfried Gütermann wurde an jenem Tag direkt aus der Synagoge hinaus verhaftet und abgeführt. Dort hatte er sich mit seiner Frau zum Gottesdienst aufgehalten. Auf Geheiß des örtlichen SA-Führers wurde er anschließend im Creglinger Rathaus interniert. Seiner ihm nacheilenden Frau konnte er unterwegs gerade noch den Hausschlüssel, an dem sich auch der Schlüssel zu seinem Geldschrank befand, aushändigen. Nachdem im Rathaus seine Personalien aufgenommen worden waren und Siegfried Auskunft darüber erteilen musste, ob er Geld im Ausland oder Waffen im Haus habe, wurden zwei Männer beauftragt, eine Durchsuchung in seinem Haus durchzuführen. Im Anschluss begann eine Orgie der Gewalt: Siegfried Gütermann wurde in das Notarszimmer des Rathauses geführt und aufgefordert, seinen Mantel und seine Juppe abzulegen. Er wurde gezwungen, sich über einen Stuhl zu legen. Ein Mann nahm seinen Kopf zwischen die Beine und drückte ihm mit einem Tuch den Mund zu. Von allen Seiten wurde nun auf ihn eingeschlagen. Unter dem Hinweis, in vier Wochen müsse er nach Palästina geflohen sein, wurde er dann wieder aus dem Zimmer geleitet und ihm wurden vom SA-Obersten Bart und Haare abrasiert. Anschließend musste er mit anderen jüdischen Bürgern Creglingens in den Ortsarrest gehen, aus dem sie erst um vier Uhr nachmittags entlassen wurden.

Wieder zuhause folgte der nächste Schock: Nachdem die erste Durchsuchung nach Aussage seiner Frau noch recht glimpflich abgelaufen war, war im weiteren Verlauf noch einmal ein SA-Mann ins Haus gekommen mit dem Hinweis, Siegfried komme nicht mehr nach Hause. Er habe zunächst 40 Mark für Nahrung für seinen Trupp und 20 Mark zum „Vertrinken“ gefordert, als er jedoch die mit etwa 2000 Mark gefüllte Geldkassette gesehen habe, habe er sich ein Bündel Scheine von etwa 950 Mark gegriffen und ihr unter Androhung von Totschlag gedroht, das Haus nicht zu verlassen. Siegfried Gütermann musste sich nach der Tat in ärztliche Behandlung begeben, er hatte erhebliche Blutergüsse am Gesäß und den Oberschenkeln erlitten.

Die Drohungen scheinen Wirkung gezeigt zu haben: Zu einem unbekannten Zeitpunkt verzogen Siegfried und Carry Gütermann ein gutes Stück in den Süden, nach Buttenhausen. Am 23.08.1942 jedoch holte beide die Vergangenheit ein: Von Stuttgart aus wurde das Ehepaar zunächst nach Theresienstadt deportiert. Am 29.09. erfolgte dann für Siegfried der Weitertransport nach Treblinka, wo er in der Folge ermordet wurde. Die Deutschen hatten es ihm nicht gestattet, ein junger Mann unter vielen anderen zu sein und am Ende nahmen sie ihm auch das Leben.

 

Siegfried Gütermann

 

Siegfried Gütermann was born on 13.06.1874 in Archshofen as son of Moses Gütermann and Helene (also named Kaje or Chaya) Gütermann, a born Friedlein from Allersheim. On 30.08.1906 he married the seven years younger Carry Kocherthaler in her hometown of Öhringen. Soon after the couple enjoyed the pleasure of their first child, son Julius was born on 14.09.1907 in Archshofen.

The main information we have however originates from the nearby town of Creglingen, where Siegfried is listed under the address „Bahnhofstrasse 283“. Here he was working as a cattle dealer and held his own shop. The trade with cattle was a typical source of income for Jewish citizens at the time and developed increasing economic potentials due to the growing railway net. It is therefore no wonder that Siegfried Gütermann was among the representatives of Jewish cattle dealers in March of 1926 that requested a fourth permanent pair of trains running on sundays on the local route from Weikersheim to Creglingen. In his case however, he not only requested for it but also donated financially towards its realization in May of said year.

From the outside, Siegfried Gütermann's biography reads like one of many of men his age. He was economically successful, had made himself a home and founded a small family. But Siegfried was Jewish. And not long after he was brutally reminded of this fact. In Creglingen repressions against the Jewish population started far earlier than in many other towns. Already on 25.03.1933 a series of most brutal abuse unfolded, that in one case even led to the death of a man. This is why in many sources, Creglingen is named as the first city with a national-socialistic murder within the framework of the shoah.

Siegfried Gütermann also was arrested on this day straight from synagogue, which he had visited with his wife. He was held captive in the city hall of Creglingen on order of the local SA-leader. On the way there, he was able to pass on his keys to his wife, who had followed her arrested man, among them the key to his safe. After his personal data had been noted and he had been asked whether he owned money outside the country or any weapons, two men were sent to search his house. This is when the physical abuse began: Siegfried was led into the notary's room, where he hed to take off his coat and his jacket. He was then forced to lie over a chair. One man took Siegfried's head between his knees and pressed a kerchief over his mouth. Then Siegfried was beaten from all sides. After the men had finished their mistreatment, Siegfried Gütermann was led outside and told to leave for Palestine within the next four weeks. The men shaved off his beard and hair. He was then transferred to local arrest together with other Jewish citizens of Creglingen, where he had to remain until four in the afternoon.

Back at home, the next shock already awaited him. After a first search had been relatively harmless, a single SA man had showed up in the house and had demanded money from Carry Gütermann, 40 Mark for food for his company and 20 Mark for alcohol. However, when he had seen the cash box, filled with around 2000 Mark, he had grabbed a bundle of bills worth around 950 Mark and left the house, threatening to kill Carry if she would do the same. After this day, Siegfried Gütermann had to consult a doctor for he had suffered serious bruises on his derriere and his upper legs.

Seemingly the threats showed effect: At an unknown time, Siegfried and Carry Gütermann moved to Buttenhausen, far south of their original home. On 23.08.1942 however, their past caught up on them. The couple was first deported from Stuttgart to Terezin. On 29.09. Siegfried was transferred to Treblinka, where he was murdered soon after. The Germans had not allowed for him to live as a regular young men and later they took his life.

 

Quellen

Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 386 Bü 12.

Geburten-, Sterbe- und Eheregister der Jüdischen Gemeinde Allersheim.

Landesarchiv Baden-Württemberg Staatsarchiv Ludwigsburg EL 228 b II.

Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 386 Bü 17.

Telefonische Auskunft Claudia Heuwinkel (Stadtarchiv Creglingen).

Behr, Hartwig / Rupp, Horst F.: Vom Leben und Sterben. Juden in Creglingen. Würzburg 2001.

Wuerzburgwiki.de: Gaubahn: Erweiterung der Lokalbahn Weikersheim-Creglingen.

Holocaust.cz: Database of Victims.

Dornheim, Andreas / Schindler, Thomas: Wilhelm Aron (1907-1933). Jude, NS-Gegner, Sozialdemokrat und Verbindungsstudent. Schriftenreihe des Historischen Vereins Bamberg Bd. 40. Bamberg 2007.