Sigmund Friedlein

Abbildung der Universität Zürich um 1920

An der Universität Zürich studierte Sigmund Friedlein zwei Semester lang Veterinärmedizin. Bild: Universitätsarchiv Zürich.

Sigmund Friedlein wurde am 19.02.1871 als ältestes Kind des Allersheimer Juden Jeremias Seckel Friedlein und seiner Frau Esther, einer geborenen Rosenheimer, in Heidingsfeld geboren. Sigmund wandte sich der Medizin zu und so promovierte er 1895 an der Universität in Würzburg mit einer Arbeit „Über Syringomyelie nebst Beschreibung eines neuen Falles“, die er seinen Eltern widmete und die von Professor Dr. von Leube betreut wurde. Anschließend ließ er sich zunächst als Arzt in Homburg am Main nieder.

Doch das Kriegsgeschehen des Ersten Weltkrieges machte auch vor Sigmund Friedlein keinen Halt. Als Oberarzt im Militär versah er seinen Dienst und wurde für diesen noch 1918 mit dem königlich-bayerischen Verdienstorden 4. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet. Anschließend zog es ihn augenscheinlich nicht zurück in seine fränkische Heimat. Stattdessen eröffnete er in der zweiten Jahreshälfte von 1919 eine eigene Praxis in Ilvesheim in der Schulstraße 307 (heute Deidesheimer Straße 8). Seinen jüdischen Glauben scheint er in der dortigen Gemeinde nicht länger praktiziert zu haben. In Ilvesheim begann sein Privatleben zunehmend in Schieflage zu geraten. So erfahren wir von einer Haushälterin namens „Hegmann“, die Friedlein als Alleinerbin in sein Testament eingesetzt haben soll, dann jedoch nach deren Verlobung mit einem anderen Mann im September 1930 streichen ließ. Über das Verhältnis der beiden sind keine gesicherten Angaben vorhanden. Immer mehr verwickelte sich der Arzt nun auch in Streitigkeiten und Briefwechsel mit den Behörden, so wurden ihm vom Gemeinderat 1922 Zuschüsse aufgrund der allgemeinen Teuerung verwehrt. 1923 eskalierte ein Streit mit seinen Mitbewohnern so sehr, dass diese anschließend das gemeinsame Mietshaus verlassen mussten. Zwischen 1926 und 1931 hatte Friedlein zudem immer wieder Schwierigkeiten, offene Rechnungen für seine ärztlichen Dienste einzutreiben. Dennoch erwarb er im Februar 1928 Haus und Grundstück seiner Praxis für insgesamt 12.000 RM. Als er das Haus jedoch 1931 an Erich Julius Kahn und Herbert Müller aus Frankfurt am Main weiterverkaufen und sich im Gegenzug ein lebenslanges Nießrecht zusichern wollte, kam es zum Eklat. Nur ein Jahr später, am 04.10.1932 gewann die Gemeinde einen Prozess gegen Friedlein wegen eines „Scheinverkaufs“, die vorangegangene Grundbuchänderung wurde daraufhin zurückgenommen. Bereits einen Monat zuvor, am 22.09., war er vom Amtsgericht Mannheim wegen Beleidigung seines früheren Freundes und Mit-Sozialdemokraten Jakob Kleinhans (der im übrigen Bürgermeister von Ilvesheim war) zu 100 RM Strafe verurteilt worden. Die Mannheimer NS-Zeitschrift „Hakenkreuzbanner“ nahm diesen Prozess zum Anlass, über den „Sozen-Filz“ in Ilvesheim herzuziehen. Immer klarer wurde, dass Friedlein sich übernommen hatte. Mit 7000 RM Steuerschulden beim Finanzamt Mannheim-Neckarstadt und 1500 RM Schulden bei der Gemeinde Ilvesheim aus seinen Gewerbeeinnahmen wurde die Zwangsvollstreckung angeordnet. 1933 stellte sich zudem heraus, dass über 2800 RM Schulden bei der AOK zu begleichen waren. Die gesamten Schulden wurden ins Grundbuch übernommen. Als der Druck auf ihn zu groß wurde, verließ Sigmund Friedlein Anfang 1933, wohl in Verschleierungsabsicht, Ilvesheim. In diesem Fall waren es wohl tatsächlich die privaten Umstände, die zum überhasteten Aufbruch führten und nicht politische Gründe.

Die Versuche der Gemeinde Ilvesheim, im Anschluss Kontakt zum Arzt aufzunehmen, scheiterten regelmäßig. Briefe nach Frankfurt am Main und nach Hannover kamen als unzustellbar zurück. Dennoch hatte die Gemeinde damit durchaus Geschick in der Lokalisierung Friedleins bewiesen, denn dieser meldete sich in der Tat am 09.03.1933 aus Frankfurt kommend in Hannover an, wo er bei seinem Schwager Julius Müller am „De-Haen-Platz 4“ unterkam. Bereits am 24.03.1933 meldete er sich jedoch von dort wieder „auf Reisen“ ab. Die Angaben in der Literatur, er habe zu dieser Zeit in einem Mannheimer Krankenhaus gewirkt, erscheinen sehr unwahrscheinlich und sind bis dato nicht belegt.

Stattdessen hielt sich Friedlein zwischen dem 07.04. und dem 04.05.1933 von Hannover kommend in Zürich in der Mythenstraße 33 auf, von wo er nach Lengnau verzog. Im Februar und März 1936 ist Friedlein dann noch einmal als in Baden/Aargau am Schlossbergplatz 7 wohnhaft nachweisbar. Ab dem 17.04.1936 war Sigmund Friedlein an der Universität von Zürich als Student der Veterinärmedizin eingeschrieben. Ab dem 03.06. des Jahres hatte er auch seinen Wohnsitz in der Stadt, zunächst in der Hallwylstraße 71, ab dem 31.10. dann im Zeltweg 48. Zwei Semester lang besuchte er hier Kurse, ehe er am 01.05.1937 die Universität Zürich ohne Abschluss verließ. Am 04.06. gleichen Jahres verzog Friedlein nach Wien, wo er ab November in der Schulgasse 54 im 18. Bezirk nachweisbar ist. Hier verlieren sich seine Spuren.

Im November 1937 gelang es der Gemeinde Ilvesheim schließlich nach jahrelangem Hin und Her auf dem Wege der Zwangsversteigerung das Haus Friedleins in Ilvesheim zu übernehmen. Durch die auf dem Haus lastenden Schulden fiel der Preis deutlich geringer aus als der Schätzwert, auch diese Angabe scheint aufgrund der Aktenlage glaubhaft zu sein. Im Februar 1939 wurde Sigmund Friedlein aufgrund seiner Emigration aus Deutschland ausgebürgert. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war und wenn ja wo er sich aufhielt, ist derzeit unklar. Auch sonst umranken seine Biographie viele Fragen. Wieso fing der gelernte Arzt mit über 60 Jahren noch einmal an Veterinärmedizin zu studieren und verließ dann die Hochschule doch ohne Abschluss? Weshalb entschloss er sich 1937 aus der relativ sicheren Schweiz in das Nachbarland Österreich zu ziehen? Die Kennkarten seiner Aufenthalte in Zürich könnten darauf hinweisen, dass Friedlein möglicherweise versuchte seine jüdische Herkunft zu verschleiern. Während auf der ersten Kennkarte noch seine Religionszugehörigkeit angegeben ist und seine Eltern mit ihren jüdischen Namen erscheinen, sind auf der zweiten Kennkarte für die Eltern christliche Namen angegeben, die Religionszugehörigkeit fehlt. Ob es Friedlein gelang, der nationalsozialistischen Gewalt zu entgehen, ist völlig unklar. Ein bewegtes Leben indes hatte er in jedem Fall.

 

Sigmund Friedlein

Sigmund Friedlein was born on 19.02.1871 as the oldest child of the Allersheim Jew Jeremias Seckel Friedlein and his wife Esther, a born Rosenheimer, in Heidingsfeld. Sigmund dedicated his life to medicine and earned his doctorate from the university of Würzburg in 1895 with a dissertation about syringomyelia that he dedicated to his parents and that was supervised by Prof. Dr. von Leube. Afterwards he settled as a doctor in Homburg on the Main.

But World War I also reached the small Franconian village. As senior physician in the military, he served in the war and was awarded the Royal-Bavarian Order of Merit of Class Four with Swords in 1918. After peace was made, Friedlein did not return to Franconia permanently. Instead he opened a doctor’s office in Ilvesheim in the second half of 1919 in Schulstraße 307 (nowadays Deidesheimer Straße 8). It seems that he no longer practiced his Jewish faith in Ilvesheim. From this time on, his private life went more and more into turmoil. Friedlein had a housekeeper named “Hegmann”, which he named as his sole heiress in his will, but she lost this privilege when she got engaged to another man in September of 1930. It is unclear of which nature their relationship was. The doctor became increasingly involved in disputes and correspondence with the authorities. In 1922, for example, the local council rejected his request for aids because of the overall inflation. In 1923 a dispute with his housemates escalated so far that they had to leave the common apartment building afterwards. Between 1926 and 1931 Friedlein additionally had troubles collecting pending invoices for his services as a doctor. Nevertheless, he bought house and property of his doctor’s office in February 1928 for a total sum of 12.000 RM. However, when he sold the house to Erich Julius Kahn and Herbert Müller from Frankfurt on the Main in 1931, securing a lifelong right of use for himself, new trouble began. Only one year later, on 04.10.1932 the municipality won a court process against Friedlein because of a “pro forma sale”, the changes in the land register were nullified. One month before, on the 22nd of September, he was sentenced to 100 RM because of an insult against his friend and fellow Social Democrat Jakob Kleinhans, who was also the mayor of Ilvesheim, by the district court of Mannheim. The local National Socialist newspaper “Hakenkreuzbanner” took the process as a welcome opportunity to make fun of the “Sozen-Filz” (Social Democrat-“Felt”) in Ilvesheim. It became clearer and clearer that Friedlein had overreached. With 7000 RM of tax-debts to the finance authority of  Mannheim-Neckarstadt and 1500 RM of debts from his professional earnings to the municipality of Ilvesheim, foreclosure was ordered. In 1933 it additionally showed that over 2800 RM of debts had to be paid to the AOK. All of the debts were noted in the land register. When the pressure on him became too much to bear, Sigmund Friedlein left Ilvesheim in the beginning of 1933, seemingly in an attempted cover-up. In this case private reasons seem to have been the reason rather than political ones.

The attempts by the municipality of Ilvesheim to establish contact with the doctor repeatedly failed from then on. Letters to Frankfurt on the Main and Hanover returned as undeliverable. However, the municipality showed some talent for locating Sigmund Friedlein. Indeed he registered in Hanover on 09.03.1933, coming from Frankfurt. In Hanover he stayed with his brother-in-law Julius Müller under the address “De-Haen-Platz 4”. Already on 24.03.1933 he deregistered in Hanover, claiming to be travelling. Indications in the literature that he could have worked in a hospital in Mannheim during this time seem unrealistic and could not be proven.

Instead Friedlein stayed in Zurich in the Mythenstrasse 33 between the 07.04. and the 04.05.1933, coming from Hanover. From there he moved to Lengnau. In February and March of 1936 we can trace him as living in Baden/Aargau under the address “Schlossbergplatz 7”. From 17.04.1936 on, Sigmund Friedlein was enrolled as a student of veterinary medicine at the university of Zurich. From the 3rd June of this year he also had his residence in the city, first under the address “Hallwylstraße 71”, from 31.10. on under the address “Zeltweg 48”. For two semesters, he visited lectures at the university, until he left it on 01.05.1937 without a degree. On the 4th June of said year, he moved to Vienna, where he was living under the address “Schulgasse 54” in the 18th district in November of 1937. Vienna is where his traces are lost.

In November of 1937 the municipality of Ilvesheim, after years of back and forth, was able to acquire Friedlein’s house in Ilvesheim. The price was noticeably lower than the esteemed worth due to the debts that still lay on the house. This seems to be supported by the archival documents. In February of 1939, Sigmund Friedlein was denaturalized due to his emigration. If he was still alive at the time, and if so where, remains unclear. A lot of questions arise from Friedlein’s biography. Why did the learned doctor begin studying veterinary medicine at over sixty years of age but then left the university without a degree? Why did he decide to move from the relative safety of Switzerland to Austria in 1937? The identity cards of Sigmund Friedlein in Zurich could indicate that he tried to mask his Jewish origins. While on the first card his religion is stated correctly and his parents are listed under their Jewish names, on the second card the space for religion is left empty and his parents are carrying Christian names. If Sigmund Friedlein managed to escape the Nazi terror remains an open question. In any case he led an eventful life.

 

Quellen

Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken.

E-Mail-Auskunft von Markus Enzenauer (Gemeindearchiv Ilvesheim).

Stadtarchiv Zürich: Einwohnerkontrolle (V.E.c.100.).

Friedlein, Sigmund: Über Syringomyelie nebst Beschreibung eines neuen Falles. Inaugural-Dissertation verfasst und der Hohen medicinischen Facultät der Königl. Bayer. Julius-Maximilians-Universität Würzburg zur Erlangung der Doctorwürde in der Medicin, Chirurgie und Geburtshilfe vorgelegt von Sigmund Friedlein aus Heidingsfeld. Würzburg 1895.

Das Jüdische Echo vom 03.05.1918.

E-Mail-Auskunft von Ricardo Filipe da Silva Costa (Stadtarchiv Hannover).

E-Mail-Auskunft der Universitätsbibliothek Zürich.

Bezirksamt Baden: Tagebuch von 1936 (StAAG ZwA 1983.0506/0084).