Die Sammlung des Fränkischen Freilandmuseum

Die Sammlung des Fränkischen Freilandmuseums in Bad Windsheim vereint mit seinen über 150.000 Objekten umfangreiche Bestände an historischen Sachzeugnissen zur Alltags-, Bau-, Religions-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des ländlichen, dörflichen und kleinstädtischen Lebens. Die Sammeltätigkeit erstreckt sich geografisch auf Franken und das Altmühltal und birgt einen bedeutenden Teil des kulturellen Gedächtnisses der Menschen in der Region.
In Anlehnung an die aktuellen ICOM-Richtlinien (International Council of Museums der UNESCO) wird die Sammlung wird als Ausdruck der musealen Langzeitperspektive aufgefasst. Sie ist demnach ein Speicher historischer wie aktueller Zeugnisse der Sachkultur, um diese zum Zweck der Forschung und musealen Vermittlung auch für kommende Generationen zu erhalten. Ihre Bedeutung ergibt sich dabei nicht nur aus den materiellen Qualitäten der Gegenstände, sondern auch aus dem Kontext, den sie dokumentieren.
Das Sammlungskonzept weist konkrete Perspektiven und Strategien auf und benennt Kriterien, die eine gezielte Fortentwicklung der komplexen Sammlung unterstützen. Es schafft langfristig die Grundlage zur Erhaltung der Sammlung und führt zur zielgerichteten Erforschung der eigenen Bestände. Hier können Sie es einsehen:  Sammlungskonzept.pdf

Objekt des Monats

Das „Objekt des Monats“ gewährt regelmäßig Einblick in die Sammlungsarbeit des Fränkischen Freilandmuseums. Gezeigt werden Neuzugänge, hochwertige und besondere Objekte, Kuriositäten und Dinge, die man vielleicht gar nicht unbedingt in einem Freilichtmuseum erwartet.

Ein fest geformtes Gemisch aus Lehm, Moos und Geäst, eingeschlagen in Plastikfolie und in einem Karton liegend

Spende: H. J. Scherrers (Nördlingen); im Museum seit Dezember 2017; Inventarnr. 17/930

Eine Kiste voll Dreck?

Diese gepresste Masse aus Lehm, Moos und Geäst ist ein eher ungewöhnliches Sammlungsstück. Es handelt es sich um Dämmmaterial aus einem so genannten Fehlboden. Als solche bezeichnet man die Hohlräume zwischen den Deckenbalken, die die Geschosse eines Gebäudes voneinander trennen. Zum Schallschutz oder zur Wärmedämmung wurden die Fehlböden mit verschiedenen Materialien aufgefüllt, etwa Schuttresten, Lehmmischungen oder Torf. Die Abdrücke der Bretter, mit denen der Boden eingeschalt war, sind bei unserem Beispiel noch deutlich zu erkennen. 

Die Dämmung wurde aus einem Anwesen in Nördlingen geborgen. Sie stammt demnach zwar nicht direkt aus Franken, ist aber als ausgesprochen frühes Beispiel dieser Bautechnik dennoch interessant für unsere Dokumentation. Eine genaue Datierung ist aufgrund der zahlreichen Umbauten des Hauses nicht möglich. Der Dachstuhl entstand ca. 1554, der Boden könnte aber durchaus noch 100 Jahre älter sein.

Das Fränkische Freilandmuseum verwahrt generell nicht nur klassisches Sachgut wie Möbel, Hausrat oder Werkzeuge, sondern auch Baumaterialien, darunter Ziegel, Mauerverbände, Putzproben sowie  feste Einbauten wie Fenster, Türen oder Deckenteile.

Ein schwarzer, aufgeklappter Koffer, gefüllt mit einem schwarzen kastenförmigen Messgerät mit Kabel und zahlreichen Aufsätzen aus Glas

Inventarnr. 18/364; Spende: Arndt Bock (Ansbach)

Unter Strom in allen Lebenslagen

Im 18. Jahrhundert entdeckten die Mediziner elektrischen Strom als Heilmittel. So vertrat der Arzt Johann Gottlob Krüger (1715-1759) die Ansicht, Elektrizität mache „die Säfte flüssig“ und rücke „die festen Theile in den Stand“. Noch heute wird sie in verschiedenen Formen therapeutisch angewandt.

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte der Physiker Nikola Tesla (1856-1943) Therapiegeräte, die hochfrequente Wechselströme, d. h. mit hoher Spannung und niedriger Stromstärke, abgeben. Die Übertragung des Stroms auf den Körper erfolgt über gläserne Elektroden. Sie leuchten im Betrieb in verschiedenen Farben und erzeugen kleine violette Blitze; bei diesem Vorgang entstehen auch geringe Mengen Ozongas. Das Körpergewebe wird dabei erwärmt und soll so bis in die Tiefe stimuliert werden.

Die Geräte (auch Bestrahler oder engl. violet wands) kamen in kompakten Sets auf den Markt und ermöglichten so die Elektrotherapie für Zuhause und Jedermann. Die Vielfalt an Glaselektroden erlaubte den Einsatz bei jeglichen Beschwerden an allen Körperstellen. Die kammförmige etwa sollte man bei Haarausfall zweimal pro Tag für jeweils fünf Minuten über die Kopfhaut streichen. Bei einer Grippe behandelte man „die schmerzenden Stellen mit der Flächen-Elektrode zweimal täglich für jeweils 5 Minuten bei mittelstarkem Strom. Inhalieren Sie zudem zweimal täglich mit der Inhalations-Elektrode 8-10 Züge Ozon bei mittelstark bis vollstark ansteigendem Strom.“

Hochfrequenz-Therapie, in ihrer Wirkung umstritten, findet sich noch heute im Angebot der Alternativmedizin. Im Fränkischen Freilandmuseum ergänzt das Gerät die pharmaziehistorische Sammlung, die im Zusammenhang mit der Ausstellung „Kräuterapotheke“ (Baugruppe Stadt) aufgebaut wurde.

Zu sehen ist das Modell einer selbstbindenden Hebel-Langstrohpresse

Modell einer selbstbindenden Hebel-Langstrohpresse; Inventarnr. 18/73; Spende: Herta Schmidt-Rölz (Ipsheim), April 2018.

Erfindergeist im Kleinformat

Diese kleine Maschine ist kein Spielzeug, sondern das Modell einer selbstbindenden Hebel-Langstrohpresse. Johann Schmidt, später Inhaber eines Elektroinstallationsgeschäftes in Ipsheim (Lkr. Neustadt an der Aisch – Bad Windsheim), erfand diese Strohpresse um 1911 gemeinsam mit den Maschinenbauern Erich und Hermann Lübeck aus Hessen (Stadt Osterwieck, Sachsen-Anhalt).
Gebaut von Erich Lübeck, sollte das Modell die Funktionsweise der Strohpresse demonstrieren. Zum Einsatz kam es zum Beispiel bei Vorführungen in Maschinenfabriken, denen man das Nutzungsrecht zum Kauf anbot. Die Erfinder bewarben die Maschine als „einfachste Presse des Weltmarktes“ mit „geringstem Kraftbedarf“ und „größter Leistungsfähigkeit“. So versuchten sie, die Maschine deutschlandweit zu vermarkten.
Das Vorhaben war leider nicht von Erfolg gekrönt. Es gab zahlreiche Abweisungen und durch den Ersten Weltkrieg geriet das Unternehmen zusätzlich ins Stocken. Vermutlich war die Konkurrenz einfach zu groß, denn andere Firmen brachten ähnliche Pressen auf den Markt. Zudem veraltete die Technik mit der Zeit, obwohl man sie einige Male überarbeitetete. Johann Schmidt verfolgte die Angelegenheit noch mindestens bis 1927. Es gibt jedoch keine Hinweise, dass ihm der Durchbruch noch gelang.

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Zu sehen ist ein metallener Ofen, der aus Schrottteilen zusammengebaut wurde

Schrottofen; Inventarnr. 16/536; 39 x 64 x 72 cm. Spende: Ernst Rabenstein (Ergersheim, Lkr. NEA), November 2016.

Heiß begehrt – ein Ofen aus Flugplatzschrott

Ein eigener Herd spendete Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg Wärme und gab die Möglichkeit zu kochen. Dies verschaffte ihnen eine gewisse Unabhängigkeit von den Eigentümern ihrer Notunterkünfte. Kein Wunder also, dass Öfen gefragte Güter waren.

Der gelernte Klempner Hans Salmann, aus dessen Werkstatt dieser Ofen stammt, war selbst als Flüchtling nach Ergersheim (Lkr. Neustadt an der Aisch/ Bad Windsheim)  gekommen. Er baute aus Schrott vom nahe gelegenen Illesheimer Flugplatz provisorische, aber funktionale Öfen. Die Modelle fielen wegen der wiederverwendeten Materialien sehr unterschiedlich aus.

Der hier gezeigte Ofen wurde in Ergersheim von einer schlesischen Flüchtlingsfamilie aus Breslau genutzt. Ihre Vermieter hatten ihn gegen Brotlaibe und andere Naturalien bei Hans Salmann erworben.

Der Ofen zeugt nicht nur vom Notstand in der Nachkriegszeit, sondern auch von dem daraus erwachsenen Erfindungsreichtum. Mit dem Behelfsheim aus Ottenhofen finden Sie auf dem Museums-gelände auch ein bauliches Relikt, das Einblick in den Alltag von Menschen gewährt, die durch den Krieg heimat- und obdachlos geworden waren.

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Zu sehen ist ein gehstockähnliches Objekt aus Holz mit Messskala.

Messkluppe; Inventarnr. 17/411; 9,5 x 2,3 x 90. Spende: Stojko Kitanoski (Bad Windsheim), Übergabe durch Erich Oesterer; Juli 2017.

Ein einfacher Gehstock – oder etwa doch nicht?

Auf den ersten Blick sieht dieser Stab wie ein gewöhnlicher  Spazierstock aus, doch er hat eine spezielle Funktion. Es handelt sich dabei um eine vermutlich mehr als 100 Jahre alte Messkluppe. Solche Werkzeuge werden in der Forstwirtschaft oder in der Zimmerei eingesetzt, um den Durchmesser von Rundholz zu ermitteln.

In Bayern verwendete man im Laufe der Zeit unterschiedliche Längenmaße. Auf der Kluppe sind deshalb drei verschiedene Skalen angebracht: Bis 1806 war der bayerische Zoll gebräuchlich, zwölf Zoll ergaben einen Fuß. Ab 1806 wurde der Fuß nicht mehr in zwölf, sondern in Anlehnung an den in Frankreich eingeführten Meter in zehn Zolleinheiten unterteilt. Der Meter selbst ist in Bayern erst seit 1872 das offizielle Längenmaß.

Die Messkluppe stammt aus dem Nachlass der ehemaligen Windsheimer Werkstatt Hans Olsch, die bis zur Geschäftsaufgabe in den 1980er Jahren vorwiegend Landmaschinen fertigte und reparierte. Wie die Kluppe in den Bestand der Werkstatt geriet und ob sie verwendet wurde, ist nicht bekannt.

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Häckeljacke; Inventarnr.: 18/162 Spende: Kunigunde Müller, Herzogenaurach; August 2014

1970er Häkeljacke im Ethno-Look

In den 1970er Jahren wurde die Mode lässiger, unkomplizierter und origineller. Unkomplizierter, weil vieles nebeneinander modern war, origineller, weil individueller und legerer – man orientierte sich nicht mehr an erklärten Modevorbildern wie in den 1960er Jahren. So kam es, ähnlich wie heute, zu einem schier unüberschaubaren modischen Experimentieren und in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre bekam die Mode viele Gesichter: verschiedene Einflüsse, traditionelle Kleiderformen, Stoffe und Muster wurden neu kombiniert, abgewandelt und vermischt. Einfache geometrische Muster in den Farben Beige, Braun, Ocker, Zimt, Dunkelgrün und Orange, kombiniert mit Gold oder Silber. Daraus entstand ein neuer Modetrend, der heute in der Mode „Ethno-look“ oder „Folklore Look“ genannt wird.

Der japanische Designer Kenzo Takada (geb. 1939) gilt als der Erste, der 1970 Ethno-inspirierte Entwürfe zeigte. 1976 folgte Yves Saint Laurent (1936-2008), der in seinen Kollektionen folkloristische Designs präsentierte: Turbane, mexikanische Ponchos, Bolero-Westen, bestickte Blusen…

An keine Jahreszeit gebunden ist diese Häkeljacke im Folklorestil. An der Taille einfach mit schmalen Gürteln zusammengehalten, darunter ein hellbrauner Rolli mit halsengem Kragen, kombiniert mit weiter Stoffhose, die in hohen braunen Lederstiefeln getragen wird. Der Mustervorschlag in der Zeitschrift „Handarbeiten. Stricken, Häkeln, Sticken, Schneidern, Basteln. (Nr. 69/1976)“ soll lässige Eleganz vermitteln.

Die Jacke wurde als Modell im Schaufenster eines Handarbeits- und Wollgeschäftes in Herzogenaurach ausgelegt. Die Geschäftsführerin selbst fertigte sie, in Stäbchen gehäkelt, aus Schachenmayr-Garn, Qualität Nomotta Rapid, 55 % Polyacryl und 45 % Schurwolle.

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