Fotoaufnahme vom Inneren des Möbeldepots. Auf den Platten von mehreren übergroßen Tischen befinden sich etliche Stühle. Unter den Tischen stehen Sessel und Sofas auf Transportroller. An den Wänden im Hintergrund sind Regale mit Objekten erkennbar.

Hausschuhe aus der "Latschenfabrikation"

Handgemachte Schuhe aus Sackleinen von Johann Müller, entstanden in englischer Gefangenschaft 1946. (Foto: Juliane Sander)

Johann Müller war ein Soldat. Er diente 1944 in der Wehrmacht.

Johann Müller im Juni 1944. (Quelle: Privatbesitz)

Die Skizze zeigt Baracken aus Holz.

Skizze, am 23.12.1944 von Johann Müller gezeichnet. Sie zeigt einen Eindruck vom Gefangenenlager in Florenze (Arizona, USA), in dem Johann Müller vom 24.10.-9.11.1944 interniert war. (Quelle: Privatbesitz)

Die Skizze zeigt mehrere längliche Gebäude.

Skizze, am 23.12.1944 von Johann Müller gezeichnet. Sie zeigt einen weiteren Eindruck vom Gefangenenlager Florenze (Arizona, USA). (Quelle: Privatbesitz)

Eine Hütte steht im Wald.

Skizze, am 1012.1944 von Johann Müller im Lager Ogden bei Salt Lake City, USA, in amerikanischer Gefangenschaft gezeichnet. Er schrieb dazu: "Ruhe, Frieden, eine Weihnacht nach Kriegsende".

Älterer Mann mit Hut und Brille.

Johann Müller am 15. Juli 2020. (Foto: Juliane Sander)

Am 2. September 1946, in englischer Kriegsgefangenschaft, begann Johann Müller die Fertigung dieser Hausschuhe. „Latschenfabrikation“ nannte er das, obwohl er sie mit ganz einfachen Mitteln, aber in Massen herstellte. Nicht für sich selbst, sondern zum Verkauf an die englische Bevölkerung. Der winzige Gewinn konnte das Überleben sichern. Aus noch brauchbaren, im Lager „organisierten“ Jutesäcken, zog Johann Müller vorsichtig Fäden heraus und flocht sie zu „Zöpfen“. Diese bildeten das Grundmaterial für die Schuhe. 

Ende 1944 geriet der einundzwanzigjährige Gefreite zusammen mit anderen Kameraden der 26. Panzer-Division bei Rimini/Italien in kanadische Kriegsgefangenschaft – als ausgebildeter Funker war er kurz vorher in diese Division (67. Regiment, II. Bataillon) berufen worden. 

Bei einem nächtlichen Einsatz konnten die kanadischen Truppen nicht mehr aufgehalten werden „und der Kampfgeist unserer Truppen war auch nicht mehr allzugroß“. Der mit mehreren Auszeichnungen geehrte Oberleutnant und bewährter Offizier rettete seinen Soldaten und sich das Leben, indem er sich den Kanadiern ergab, er „hatte […] wahrscheinlich keine Hoffnung mehr und die Schnauze voll. […] Für uns war, Gott sei Dank, der hautnahe Krieg zu Ende gegangen!“ Kurz darauf wurden die Gefangenen auf einem Truppentransporter von Neapel aus über Algerien nach Amerika verschifft.

Endstation war Florence in South Carolina, die Mission dort die Baumwollernte. Die Gefangenen kamen in ein „Lager mit dunklen Holz-Baracken“, „bei Wasser und Brot, alle 3 Tage eine kleinere Essensportion, ungesalzen“, aber mit „Warmluft-Gasheizung“. Hier schnitzte er mit einer Rasierklinge kleine Schachfiguren und las verschiedene Bücher, zum Teil mit Gedichten.

Das Kriegsende Anfang Mai 1945 erlebte er in einem Lager in Ogden bei Salt Lake City. Dort verrichtete er in einem „grossen, Kilometer umfassenden Army-Depot“ verschiedene Arbeiten, „wie z. B. am Holzplatz übrige Kisten usw. verbrennen, […], Hobbies hatte ich hier: Schnitzen (rundes Wandbild), Porträts zeichnen, Lesen; z. B. Gottfried Keller, 'Der Weg zum Gral' (Richard Wagner), 'Schillers Leben', Biographie von Mozart und Goethe, Deutsche Geschichte und vieles mehr. […]“. Kurz vor Weihnachten zeichnete er die Skizze „Wunschbild: Ruhe , Frieden – eine Weihnacht nach Kriegsende“. Abb. 5

Etwas darauf, im Februar 1946, war Aufbruch – scheinbar nach Hause? Wieder eine Fahrt im Frachter über den Ozean. Nach 21 Tagen auf See Ankunft in Liverpool, wo sich herausstellte, „daß wir vorerst nicht nach Hause kommen werden. Wir sind nach England gekommen um zur Arbeit eingesetzt zu werden. Der Ami verkaufte uns weiter.“

Erst im Januar 1948 durfte er nach weiteren Lageraufenthalten in England und Schottland seine Heimreise nach Burghaslach im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim (Mittelfranken) antreten. 

Über 50 Jahre später im Jahr 2001 fühlte sich Johann Müller bereit, seine Notizen zu den Ereignissen und Begegnungen aus Krieg und Gefangenschaft aufzuzeichnen. Während dieses Prozesses gelang es ihm, das Erlebte aufzuarbeiten und für sich abzuschließen. „Unsere Generation hat eine einmalig schwere Zeit erleben müssen und das ist nach meiner Meinung ein Grund, dies zu Papier zu bringen. Ich […] habe nun alles in den besonderen Jahren Notierte nochmals durchgelesen und in Gedanken nochmals durcherlebt und bin nun froh, dass ich es nach so einer langen Zeit geschafft habe.“ 

Seine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen aus dieser Zeit fügen sich nun in die Geschichte ein und bleiben im kollektiven Gedächtnis bewahrt. Heute lebt Johann Müller in einem Seniorenheim. Gerne erzählt er aus der Vergangenheit und beantwortet Fragen.

Er ist ein wacher Geist, hat einen gesunden Menschverstand, Herzensbildung und Humor, ist kreativ, zudem handwerklich versiert und vielseitig begabt. Sein offenes Herz, begleitet von diesen zweifelsfrei überlebenswichtigen Gaben, lassen ihn dankbar auf seine Vergangenheit zurückblicken. Seine Notizhefte, das Kriegstagebuch mit Fotoalbum und einige andere Dinge aus dieser Zeit übergaben er und seine Töchter im Juli 2020 dem Fränkischen Freilandmuseum. Im August 2020 stellte seine Tochter Dorothea Hübner seine Aufzeichnungen aus dem Kriegstagebuch unter dem Titel „So sind wir Weltreisende geworden“ für ihn zu seinem 97. Geburtstag zu einem kleinen Buch zusammen.

Ausführliche Hintergründe zum Thema finden Sie in einem Betrag von Juliane Sander in der Museumszeitschrift Franken unter einem Dach (Bd. 42), den Sie über den folgenden Link herunterladen können:Erinnerungen eines Weltreisenden. Ein Kriegstagebuch aus der Zeit 1942–1948 von Johann Müller