Zum Hauptinhalt springen

Zeitkapseln mit bewegter Geschichte: zwei Ofensetzerkisten aus dem Sudetenland

Manche Dinge scheinen die Geschichte regelrecht „einzufrieren“ und eröffnen zugleich mehrere Perspektiven. Die beiden Ofensetzerkisten mitsamt Werkzeug zählen ohne Zweifel dazu: Sie berichten von der tragischen Familiengeschichte Josef Müllers am Ende des Zweiten Weltkriegs und bewahren zugleich den Arbeitsalltag von zwei Handwerkern wie in einer Zeitkapsel.

Die beiden Kisten haben gewölbte Decke.  Eine Kiste ist etwas kleiner. Die Kisten haben einen dunkelgrünen Anstrich. Auf einer steht J. Müller.

Die nahezu baugleichen Werkzeugkisten von Josef und seinem Sohn Erhard Müller. Inv.-Nr. 24/443 und 24/444. (Foto: Frank Wittstadt)

Auf dem Bild sind ein Mann und eine Frau. Die Frau heißt Maria. Sie hält ein Baby. Der Mann heißt Josef. Er trägt einen Anzug.

Josef Müller mit seiner Ehefrau Maria und Tochter Erika, Mitte der 1920er Jahre. (Quelle: Archiv des Fränkischen Freilandmuseums)

Auf dem Bild ist ein junger Mann. Er heißt Erhard Müller. Er trägt einen Anzug.

Erhard Müller, Mitte der 1940er Jahre. (Quelle: Archiv des Fränkischen Freilandmuseums)

Auf dem Bild sind Werkzeuge. Es sind Hämmer, Zangen, Meißel, Schleifsteine, eine Wasserwaage, eine Schnur, ein Zollstock und Winkel.

Der Inhalt der größeren Werkzeugkiste. (Foto: Frank Wittstadt)

Auf dem Bild sind Werkzeuge. Zu sehen sind Haumesser, einzelne Klingen, ein Hammer, ein Hobel, eine Wasserwaage, mehrere Schnüre, Meißel, Dorne und andere Dinge.

Der Inhalt der kleineren Werkzeugkiste. (Foto: Frank Wittstadt)

Josef Müller und seine Familie – ein Vertriebenenschicksal

Josef Müller wurde am 14. April 1894 in Pomeisl (heute Nepomyšl, Bezirk Louny, Tschechien) geboren. Er machte von 1910 bis 1913 eine Ausbildung zum Ofensetzer-Gehilfen bei der Ofen- und Tonwarenfabrik L. & C. Hardtmuth im unweit gelegenen Podersam (heute Podbořany). Zwischen 1914 und 1918 war Müller als Soldat im Ersten Weltkrieg im Einsatz, aus dem er ein chronisches Asthma-Leiden davontrug. Von 1919 bis 1936 arbeitete er dann als „Ofensetzer- und Fliesenlegergehilfe“ bei L. & C. Hardtmuth. Danach machte er sich als Ofensetzermeister selbständig, baute aber weiterhin auch Öfen von seinem bisherigen Arbeitgeber auf. Tätig war er vor allem in der näheren Umgebung.

1920 heiratete Josef Müller Maria Sattler. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, darunter Sohn Erhard, den er ab ca. 1944 zum Ofensetzer ausbildete. Wohl wegen seines Asthmas wurde Josef Müller nicht noch einmal zum Kriegsdienst eingezogen. 

Nach Kriegsende begann im Mai 1945 der von der wiedereingesetzten tschechischen Regierung initiierte „Abschub“ („odsun“) der sudetendeutschen Bevölkerung, zunächst in Form von wilden Vertreibungen und oft mit brutalster Gewalt, später durch organisierten Abtransport. Dieser Ablauf spiegelt sich auch in den Ereignissen in Podersam, die im Massaker vom 7. Juni 1945 ihren Höhepunkt fanden. Hierbei wurden 68 deutsche Männer von tschechischen Revolutionsgarden außerhalb der Stadt am Elementenwald (Valovský les) erschossen. Josef Müller gelang es, sich in den umliegenden Wäldern zu verstecken und so zu überleben.

Die übrigen deutschen Einwohner Podersams wurden in der Folgezeit gruppenweise mit Viehwaggons abtransportiert. Bei der Ausreise waren maximal 30 Kilogramm Gepäck pro Person erlaubt; Arbeitsgerät durfte zusätzlich mitgenommen werden, darunter auch die beiden Werkzeugkisten. Die Familie kam zunächst in das völlig zerstörte Würzburg; anschließend brachte man sie mit zehn weiteren Podersamern nach Ottelmannshausen bei Königshofen im Grabfeld. Anfangs musste die Familie in der Kirche ausharren, doch nach drei Tagen (und Druck durch die amerikanische Militärpolizei) quartierte man sie bei einer Bauernfamilie ein.

Josef Müllerwollte nach Würzburg zurückkehren und hatte auch schon die Zusage, dort wieder als Ofensetzer arbeiten zu dürfen. Dazu kam es nicht: Er starb sehr plötzlich an den Langzeitfolgen des Asthmas. Damit nicht genug: Kurze Zeit später lag auch sein Sohn Erhard im Alter von 19 Jahren eines morgens tot im Bett – die Todesursache ist nicht bekannt. Zurück blieben Maria Müller und Enkelsohn Klaus, die schließlich ein eigenes Haus zugeteilt bekamen und noch bis 1974 in Ottelmannshausen blieben.

 

Vollständig erhalten geblieben – das Werkzeug der Ofensetzer

Die Werkzeugkisten wurden nach dem Tod von Josef und Erhard Müller verräumt und überdauerten so die Zeit. Die Werkzeuge sind nicht gleichmäßig, sondern mehr oder weniger sortiert in den Kisten verteilt. Das spricht eher für eine gemeinsame Nutzung beider Kisten, womöglich auch eine gewisse Arbeitsteilung.

Ofensetzer verfüg(t)en über kein spezielles Werkzeug, sondern arbeiteten vielmehr mit Geräten, die auch in anderen Gewerken der Holz-, Stein- und Metallbearbeitung zum Einsatz kamen. Auch in zeitgenössischen Lehr- und Arbeitsbüchern für Ofensetzer werden die Werkzeuge in wenigen Zeilen abgehandelt. Der Inhalt der beiden Kisten lässt sich wie folgt gliedern:

  • Werkzeuge zum Behauen und Schleifen der Kacheln: Haumesser und zahlreiche einzelne Klingen, Zangen, Hämmer (v. a. Spitzhämmer) verschiedener Größen und Formen, Meißel und Dorne.
  • Utensilien zur feineren Bearbeitung von Oberflächen: Schmirgelsteine, Stahlbürste, Raspeln und Feilen.
  • Werkzeuge und Hilfsmittel zum Messen und Anreißen: Zollstöcke/Meterstäbe, Wasserwaagen, Anschlagwinkel, Holzlehren, Schnüre.
  • Sonstige Dinge, deren Funktion bisweilen unklar bleibt: Kastanienbohrer, Glasschneider, Schraubenschlüssel, Sticknadel, Blechschere und – besonders kurios – ein Onduliereisen.

Das für den Ofenbau sehr wichtige Richtscheint fehlt, da es wegen seiner Größe außerhalb der Kisten transportiert werden musste. Ebenso fehlen Lappen, Schwämme und Handfeger, mit denen man die Endreinigung durchführte – Dinge, auf die man in den Lehrbüchern sehr großen Wert legte, die aber auch anderweitig im Haushalt zu gebrauchen und daher vielleicht entnommen worden waren.

 

Eine wichtige Ergänzung der Museumssammlung

Trotz der tragischen Hintergrundgeschichte sind die Werkzeugkisten für das Freilandmuseum ein Glücksfall. Tatsächlich war das Gewerk des Ofensetzers in unserer beachtlichen Sammlung an Handwerkszeug bislang nicht vertreten. Im Gegensatz zu den dicht eingerichteten stationären Werkstätten von Schustern, Schmieden oder Wagnern überdauern die Gerätschaften von mobil ausgeübten Gewerken nur selten die Zeit – sie werden nach Ende der Tätigkeit oft anderweitig verwendet oder gar entsorgt. Umso wertvoller ist es für unsere handwerksgeschichtliche Dokumentation, dass wir die beiden „mobilen Werkstätten“ bewahren können!

 

 

Zum Weiterlesen | Markus Rodenberg: Verlustgeschichte(n) in der Museumssammlung. Die Werkzeugkisten von zwei sudetendeutschen Ofensetzern. In: Thomas Eißing, Markus Rodenberg, Georg Waldemer (Hg.): Badstube | Betsaal | Bauernhaus. Eine Festschrift für Herbert May (= Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim, Band 100). Bad Windsheim 2025, S. 277–288.

Dank | Klaus Ulbrich (Sommerhausen), Enkel des Ofensetzers Josef Müller, für die Spende der Kisten, die Überlassung von einigen Fotos und Dokumenten und das Interview; Frank Wittstadt, Restaurator für die Museumssammlung, für die Abholung der Kisten im Mai 2024 und die Fotos; Lea Dürr, ehemalige Praktikantin im Freilandmuseum, für die erste Sichtung und Auflistung der Gegenstände.