Fotoaufnahme des Inneren der Spitalkirche mit den zwei übereinanderliegenden Emporen. Rechts im Bild ist ein Teil des Kirchenschiffs mit dem Altar und einem Kruzifix an der Wand. Die Aufnahme dient als Header für das Museum Kirche in Franken.

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Der Blog des Museums Kirche in Franken

Holzsichtiges Vierergestühl (nummeriert) mit kunstvoll gesägtem Abschluss und Sitzwangen

Holzsichtiges Vierer-Gestühl, Creußen, 18. Jahrhundert; Leihgabe: Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Jakobus, Creußen

Der Ausschnitt aus dem Windsheimer Konfessionsbild zeigt ein Ehrengestühl, worauf die Stadträte sitzen, die einer Predigt lauschen und einer sog. Türkentaufe beiwohnen

Ausschnitt aus dem Windsheimer Konfessionsbild, Nürnberg 1601, Andreas Herneisen, Öl auf Leinwand; Leihgabe: Stadt Bad Windsheim; An der Wand entlang sieht man das Ehrengestühl, auf dem einige Räte der Stadt Platz genommen haben

Weißes Porzellanschild mit Namen und Ort

Kirchenstuhlschildchen aus Porzellan, 20. Jahrhundert, Museum Kirche in Franken

Sitzen ist nicht gleich sitzen...

Zehn Jahre lang stand im Museum Kirche in Franken im Chorraum der Spitalkirche ein Chorgestühl. Es repräsentierte nur einen Teil eines größeren Konvoluts von Sitzbänken aus der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Creußen in Oberfranken. Absichtlich bekam es den prominenten Platz im Chorraum zugeteilt, denn auf solchen Plätzen durften vor der Reformation lediglich Geistliche sitzen.

Nur in Ausnahmefällen bekamen Laien als besondere Ehrung Sitzplätze in der Kirche zugewiesen. Später durften die so genannten Herrschaftsstände wie Ratsmitglieder oder Vögte auf speziellem Ehrengestühl sitzen, dann teilweise auch im Chor. Zu sehen ist solch ein Ehrengestühl für den Inneren Rat der Reichsstadt Windsheim auf dem Windsheimer Konfessionsbild von 1601. Damit wandelte sich der Chor in den Kirchen der Reichsstädte häufig vom Sakral- zum Herrschaftsraum und das Sitz-Monopol der Geistlichen in der Kirche hatte ein Ende.

Die restlichen Gottesdienstbesucher mussten vor der Reformation weitgehend stehend den Messen und Gebeten lauschen. Erst als die Predigt zum zentralen Bestandteil des Gottesdienstes aufgewertet wurde, baute man feste Gestühle für alle Gemeindemitglieder in den Kirchen ein. Der Verkündigung des Wortes Gottes konnte man nun viel bequemer und damit aufmerksamer verfolgen. Bei entsprechendem Platzbedarf entstand nicht nur Bestuhlung im Mittelschiff, sondern auch zunehmend auf Emporen. Die erste Empore in der Spitalkirche wurde bereits 1578 eingezogen. 

Daraufhin entstand bald die Frage nach einer Sitzordnung. Um Streitigkeiten um den besten Sitzplatz zu umgehen, wurden Kirchenstuhlordnungen erlassen. Für den Sitzplatz musste eine Stuhlgebühr entrichtet werden. In vielen Kirchen wurden die Plätze dann mit kleinen Schildchen aus Metall oder Porzellan markiert, worauf Name und/oder Nummern vermerkt waren. Nach der Abschaffung des Ablasses war dies eine wichtige Einnahmequelle für die Kirche.

Auch die Plätze auf dem Gestühl aus Creußen sind mit Nummern versehen. Die Kirchengemeinde übergab 1999 mehrere Teile ihres Gestühls an das Museum Kirche in Franken. Aus Platzgründen wurden die Teile aus der St. Jakobus Kirche entfernt. 

Momentan befinden sich alle Teile des Gestühls im Depot des Museums Kirche in Franken und werden dort als Zeugnis für die frühere Praxis der festen Zuteilung der Sitzplätze in der Kirche für zukünftige Generationen bewahrt. Verschiedene Kirchenstuhlschilder können in der Dauerausstellung besichtigt werden. 

Der Ausschnitt zeigt die für Reinhart typischen Baumgruppen und im Hintergrund Architektur. In die römische Landschaft hingesetzt wurde Bileam mit seiner Eselin.

Ausschnitt aus: Landschaft mit Bileams Esel, 1807, Radierung, Sammlung Heinz Schuster Hier wurde Bileam mit seiner Eselin in die römische Landschaft hineingesetzt.

Auf dem Ausschnitt sieht man sehr gut die mit Efeu umrankten Felsen und weiteres Blattwerk.

Ausschnitt aus: Betender Mönch vor einer Höhle, 1805, Radierung, Sammlung Heinz Schuster

Mühle an einem Fluss mit felsigem Ufer und vielerlei Vegetation. Ganz klein und links im Bild der Müller und sein Esel.

Die Mühle in alten Gebäuden, 1815, Radierung (Sammelmappe), Sammlung Heinz Schuster Die Landschaft umschließt die Mühlengebäude bildgewaltig. Der Müller mit dem Sack auf dem Rücken und sein Esel sind kaum zu sehen.

Ein deutscher Landschaftsmaler in Rom

Johann Christian Reinhart begann zunächst mit Vedutenmalerei (italienisch veduta „Aussicht“, „Ansicht“), also der exakten Wiedergabe von Natur und Architektur. Hierbei ist das Ziel die Wiedererkennbarkeit und weniger der Einsatz von Licht und Schatten oder besonderen Farben. Nach und nach ging der Maler und Zeichner Reinhart zu frei komponierten Landschaften über und spätestens nach seiner Ankunft in der Künstlermetropole Rom wendete er sich dem Klassizismus und den Ideallandschaften zu.

Für die Vegetation, die bei Reinhart sehr bildbeherrschend ist, war ein intensives Naturstudium notwendig. Hierfür begab sich der Künstler mit einem Block und Zeichenutensilien in die Landschaft rund um Rom und skizzierte Ausblicke, Bäume oder bodennahe Gewächse. Die Natur sollte wissenschaftlich korrekt wiedergegeben werden: Reinhart umrahmt Felsen, Bäume und Mauerwerk meist mit Efeuranken oder großblättrigen Pflanzen. Licht- und Schatteneffekte erreicht er mit durchscheinendem Sonnenlicht.

Bei seinen Landschaftskompositionen zeigte Reinhart Geschick im Anordnen und Durchbilden mächtiger Baumgruppen. Sein Interesse fanden auch Felsgestein und Höhlen. Im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts thematisierte er in den Landschaften Sturm und Gewitter als Aufruhr der Elemente. Architekturelemente bildete er realitätsnah ab und bettet diese teils in die wilde Natur ein.

Darzustellende Personen dagegen wurden oft nachträglich in die Ansicht eingefügt – ebenso Tiere und Tiergruppen. So konnte Reinhart biblische Legenden oder antike Sagen mit ihren Akteuren in Ideallandschaften einbauen, deren vegetative Elemente beliebig austauschbar waren.

In seinen Radierungen kommt dies vor allem bei den Landschaften in und um Rom zum Tragen. Viele Beispiele dafür finden Sie in unserer Ausstellung über den Künstler.

Bekannt ist Johann Christian Reinhart aber besonders durch seine Ölgemälde, die in Museen in ganz Deutschland und darüber hinaus zu finden sind. Als Beispiele seien hier genannt die „Vier Ansichten von Rom vom Turm der Villa Malta“ (1831 – 1835) in der Neuen Pinakothek in München, die „Sturmlandschaft mit Reiter“ (1824) in Leipzig, Museum der bildenden Künste, „Tivoli mit dem Ponte di San Rocco“ (1813) im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, oder „Die Erfindung des Korinthischen Kapitells durch Kalimachos“ (1846), ebenfalls in München in der Neuen Pinakothek zu besichtigen.

Ein Aussätziger in typischer Leprosentracht kniet vor Christus in Gestalt des Schmerzensmannes nieder. Zwischen den zum Gebet erhobenen Händen hält er die Lepraklapper. Christus weist auf seine von der Kreuzigung herrührende Wunde am rechten Brustkorb, für den Aussätzigen zum Trost, dass er selbst noch größeres Leiden hat erdulden müssen.

Ein Aussätziger in typischer Leprosentracht kniet vor Christus in Gestalt des Schmerzensmannes nieder. Titelminiatur zum Kopialbuch des Nürnberger Sondersiechenalmosen, Mitte 15. Jh., Stadtarchiv Nürnberg, Sig. Cod. Man. 32.4° / I.

Nachbau einer Lepraklapper, aus Holz und Leder mit drei aneinanderschlagenden Holzplättchen und einem Holzgriff

Nachbau einer Lepraklapper, Holz und Leder, 2018, gefertigt von Bernd Endres

Kupferstich mit einem kleinen Teufel mit einer Warnklapper

Darstellung einer Warnklapper, 16. Jahrhundert, Anonym, Titel: Je suy le poure Diable Rijksmuseum Amsterdam

Klappern für Almosen

Corona ist nicht die erste ansteckende Krankheit, mit der Menschen auf der Welt zu kämpfen haben. Noch heute gibt es die Krankheit Lepra, im Mittelalter und der Frühen Neuzeit auch als Aussatz oder Lazarus-Krankheit bezeichnet.

In der museumspädagogischen Sammlung des Museums Kirche in Franken befindet sich seit dem Jahr 2018 der Nachbau einer so genannten Lepraklapper. Die Klapper konnte während der Sonderausstellung zum Spitalsjubiläum 2018 "Brauen, Baden, Beten - 700 Jahre Hospitalstiftung Windsheim" von unseren Besucher*innen ausprobiert werden. Mit akustischen Warninstrumenten wie solch einer Klapper, ein Horn oder Glöckchen mussten Leprakranke im Spätmittelalter ihr Kommen ankündigen bzw. konnten wortlos um ein Almosen bitten, da es ihnen verboten war, zu sprechen. Die Lepraklapper war somit ein Objekt der sozialen Distanzierung, wie wir sie heute auch erleben.

Nachdem die mittelalterliche Medizin keine Heilmittel zur Eindämmung von Aussatz kannte und der Infektionsmodus unbekannt war, isolierte man die Kranken nach alttestamentarischem Vorbild und setzte sie außerhalb der Stadt aus (Lepra = Aussatz). Vor Erbauung der Leprosorien bzw. Sondersiechenspitäler mussten sie dort in provisorischen Behausungen auf offenem Feld leben (Lepröse = die Feldsiechen).

Aussätzige waren lebendige Tote. Der Pfarrer las über die Angesteckten, die in der Lepraschau diagnostiziert wurden, die Krankenmesse, dann das Totenoffizium wie über Hinzurichtende, hörte ihre Beichte, spendete ihnen das Abendmahl, reichte ihnen ihre typische Tracht (Lazaruskleid), ein Trinkgefäß und einen Brotsack, bevor sie aus der Stadt geführt wurden. Dort lebten sie ab dem 13. Jh. vermehrt in bruderschaftlicher, klosterähnlicher Gemeinschaft der Leprosorien mit eigenem Gotteshaus und eigenem Friedhof. Lepröse waren ausgeschlossen von Märkten, Kirchen, Wirtshäusern und durften aus keinem öffentlichen Brunnen trinken. Sie hatten das Privileg, sich an bestimmten Stellen Almosen erbetteln zu dürfen, besonders an den Kreuzungspunkten von Verkehrs- und Handelswegen.

Die medizinischen Maßnahmen zur Linderung der massiven Krankheitsleiden bei Lepra waren vielfältig und bezogen sich auf verschiedene angenomme Ursachen: So empfiehlt Hildegard v. Bingen gegen Lepra, welche auf Unmäßigkeit bei Essen und Trinken zurückzuführen ist, eine im Schwitzbad einzureibende Salbe aus Storchen- und Geierfett, vermischt mit Schwalbenkot, Schwefel und Klettenkraut. Gegen Aussatz durch sexuelle Unenthaltsamkeit verordnet sie ein Warmbad mit Kräuterzusätzen und möglichst viel Menstrualblut, zusätzlich eine Salbe aus Gänse- und Hühnerfett und etwas Hühnerkot. Bei Aussatz infolge von Zornmütigkeit soll man ein Säckchen mit von Pferdeblut durchtränkter Erde über dem Herzen tragen. Nach dem Vorbild arabischer Ärzte wurden Lepröse vor einem Schwitzbad mit Quecksilbersalben eingerieben; mit dem Schweiß und dem durch die Giftwirkung des Quecksilbers verursachten starken Speichelfluss sollten die krankmachenden Säfte ausgetrieben werden. Dieses Einreiben konnten nur Bader oder Barbiere übernehmen, die entweder die Behandlung der Aussätzigen nicht scheuten oder selbst an der ansteckenden Krankheit litten.

Lepra ist eine chronische Infektionskrankheit, die durch das Mycobacterium leprae ausgelöst wird. Bei dieser Krankheit sterben die Nerven ab und die Gefäße der Arterien und Venen verstopfen durch eine Verdickung des Blutes. Die Betroffenen verlieren meist das Gefühl für Kälte, Wärme und auch Schmerz. Ohne Behandlung verletzen sich die Patienten oft unbemerkt und infizieren sich über die Wunden an lebensgefährlichen Krankheiten wie z. B. Tetanus. Daher stammt auch die Vorstellung, Lepra würde zum Abfallen von Fingern, Zehen, Händen oder Ohren führen. Da die Erkrankten keine Schmerzen spüren, werden Wunden oft unbehandelt gelassen, und durch Entzündungen können diese Körperbereiche absterben. Durch Tröpfcheninfektion wird bei langfristigem und engem Kontakt der Erreger übertragen. Eine ungewöhnlich lange Inkubationszeit (5-20 Jahre) sorgt dafür, dass Lepra zwar heute unter Kontrolle, aber noch lange nicht ausgerottet ist, wie z. B. die Pocken. Es kann mit Antibiotika behandelt werden, so dass es in Ländern mit gut entwickelter Gesundheitsversorgung kaum noch auftritt und als heilbar gilt. In Entwicklungsländern dagegen ist es nach wie vor ein ernstzunehmendes Problem. 

 

 

 

Nekrolog für Johann Christian Reinhart, Morgenblatt für gebildete Stände/Kunstblatt, Ausgabe 28_1847, S. 168 (Nachrichten vom Juni), Heidelberger historische Bestände - digital, Universitätsbibliothek Heidelberg

Grabmal mit Konterfei Reinharts und einer Inschrift

Grabmal Reinharts auf dem Friedhof für Nichtkatholiken in Rom. Errichtet von seinen Freunden im Jahr 1852.

9. Juni 1847 – „der Nestor unter den deutschen Malern … ist verschieden“

Heute vor 173 Jahren starb der Landschaftsmaler Johann Christian Reinhart im Alter von 86 Jahren in Rom. In einem Nekrolog, der im August 1847 erschien, ist von einer Erkrankung an Brustwasser sucht die Rede.

Im Jahr zuvor noch schrieb Reinhart, dass er fast täglich arbeite und an zahlreichen Feierlichkeiten teilnehme. Zu solchen Feierlichkeiten kamen alle Künstler aus dem deutschsprachigen Raum zusammen. Die Deutschrömer feierten Völkerschlacht-Feiern, gesellige Frühlingsfeste und fanden noch vielerlei Anlässe mehr. Auch der Kronprinz und spätere König von Bayern Ludwig I. hielt sich gerne unter den deutschen Künstlern auf.  

Fast 60 Jahre hatte Reinhart in der Künstlerrepublik Rom gewohnt und gearbeitet. Viele Höhen und Tiefen hatte er in dieser Zeit erlebt. Er war Ritter der Ponte-Molle-Gesellschaft (ein Vorläufer des Deutschen Künstlervereins in Rom) und seit 1829 Ordentliches Mitglied der Königlich-bayerischen Akademie der bildenden Künste. Den höchsten Punkt seiner Karriere erreichte er sicherlich 1839, als man ihn zum königlich-Bayerischen Hofmaler ernannte. Im Jahr 1830 litt er unter einer Augenkrankheit, die er jedoch überwinden konnte. Sieben Jahre später erkrankte er an der Cholera und erholte sich wieder.

1801 ging er eine Zivilehe mit der Römerin Anna Caffó ein. Sie schenkte ihm zwei Töchter und einen Sohn. Eine der Töchter verstarb bereits im Kindesalter. Er konnte die Heirat seiner Tochter Teresa mit dem englischen Bildhauer Thomas Campell erleben, ebenso wie die Hochzeit seines Sohnes Erminio mit der Italienerin Silvana Renelli. Sein Enkel Giovanni kommt im Jahr 1829 zur Welt.

Johann Christian Reinhart ist auf dem „Cimitero acattolico“, dem Friedhof für Nichtkatholiken an der Cestius-Pyramide, bestattet. 3 Jahre nach seinem Tod wird ihm dort von seinen Freunden ein Grabmal errichtet.

Er zählte um 1800 zu den am höchsten geschätzten Künstlern seiner Zunft. Deswegen ist es umso wichtiger, dass er in diesem Jahr mit der laufenden Sonderausstellung im Museum Kirche in Franken mit seinem uns hinterlassenen Gesamtwerk gewürdigt wird. Schauen Sie vorbei und studieren Sie die Radierungen aus seiner Hand, die der Sammler und Pfarrer i. R. Heinz Schuster jahrelang zusammengetragen hat!

Nahaufnahme der Gewölberippen und des Heilig-Geist-Lochs in der Spitalkirche

Nahaufnahme der Gewölberippen und des Heilig-Geist-Lochs in der Spitalkirche

Kreuzrippengewölbe mit 3 Schluss-Steinen und farbig gefassten Rippen. Der rechte Schluss-Stein ist als Röhre gestaltet und somit durchlässig.

Untersicht auf das Kreuzrippengewölbe der Spitalkirche. Der Schluss-Stein rechts direkt über dem Altar im Chorraum ist ringförmig gearbeitet im 5/8-Schluss. Rekonstruierte Farbigkeit der Bauzeit um 1420.

Taube aus Lindenholz mit farbiger Fassung aus getöntem Weiß und Gold kommt aus dem Heilig-Geist-Loch geschwebt.

Durch das Heilig-Geist-Loch herabschwebende Taube. Süddeutschland 18. Jahrhundert, Lindenholz, farbig gefasst, mit Metallöse zur Befestigung einer Schnur. Ankauf, im Museum Kirche in Franken seit 2010, Inventarnr. 10/168.

Himmelslöcher

Früher sollten liturgische Inszenierungen in den Gottesdiensten den Gläubigen die Glaubensinhalte einprägsam vermitteln. Heute ist uns allenfalls noch das Krippenspiel zu Weihnachten aus dieser Kategorie bekannt. Der Kirchenraum fungierte dabei als Bühne und das Gewölbe oder die Decke als Himmel. Als Durchgang zwischen Himmel und Erde diente dabei häufig ein „Himmelsloch“, der mit einer Öffnung versehene Schlussstein eines Gewölbes oder eine Öffnung in der Decke des Langhauses.

Das Himmelsloch konnte zu verschiedenen Anlässen im Kirchenjahr „bespielt“ werden. So wurde z. B. an Himmelfahrt eine Christusfigur hochgezogen oder zum Fest Mariä Verkündigung eine Engelsfigur herabgelassen. Man ließ auch Hostien als „Himmelsbrot“ oder Blütenblätter herabregnen oder stürzte Teufel herunter. Eine weitere Verwendung erfuhren die Himmelslöcher an Pfingsten. Auch bei unserem Himmelsloch liegt die Vermutung nahe, dass es als „Pfingstloch“ oder „Heilig-Geist-Loch“ diente. Dabei kam zumeist der Heilige Geist in Form einer Taube herabgeschwebt.

Die Taube ist die bekannteste Veranschaulichung des Heiligen Geistes. Die Bibel lässt den Heiligen Geist in der Apostelgeschichte (Apg. 2,1-4) als Sturm und Feuer erscheinen, weshalb es auch Inszenierungen z. B. mit brennendem Werg gab. Solch brandgefährliche Aktionen und tödliche Unfälle führten sicher auch dazu, dass man diese „spectacula“ in aufgeklärten Zeiten untersagte. Die evangelischen Gemeinden hatten solche „mit Bildern getriebenen Schauspiele“ sogleich mit der Reformation abgeschafft.

Heute greift das Museum Kirche in Franken diesen Pfingstbrauch in der Reihe „Kunst unterm Kirchendach“ wieder auf. Seit 2019 wird unser Heilig-Geist-Loch am Pfingstfest mit Feuerzungen bespielt. Die textile Kunstinstallation von Andrea Thema gibt dem Pfingstgeschehen und dem alten Brauch einen neuen lebendigen Ausdruck.

Verfremdeter Bischof (Bischofsstab in der linken Hand) als Fabeltier halb Mensch, halb Schwein. Weinglas in der erhobenen rechten Hand und Flaschen auf den Rücken gebunden. Mehrere leere Flaschen liegen schon auf dem Boden.

Johann Christian Reinhart, Lord Bristol als Porco Centauro, 1803, Radierung, Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky Hamburg, Titelkupfer

Zeichnung eines Spaziergängers in Rückansicht, Titelvignette des Buches Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, Braunschweig und Leipzig 1803

Johann Christian Reinhart, Johann Gottfried Seume als Spaziergänger von Rom nach Syrakus, 1803, Zeichnung, Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky Hamburg, Titelvignette

Johann Christian Reinhart als Karikaturist

In unserer Sonderausstellung über den Pfarrerssohn, Maler und Lebenskünstler Johann Christian Reinhart (1761-1847) rücken wir diesen in Vergessenheit geratenen Deutschrömer wieder in den Fokus. Der Pfarrer i. R. Heinz Schuster übergab dem Museum Kirche in Franken einige seiner Radierungen, die wir als Anlass nahmen, uns genauer mit dem Künstler zu beschäftigen.

Reinharts Gesamtwerk umfasst nicht nur Radierungen, sondern auch Aquarellzeichnungen, Landschaftsmalereien und Karikaturen. Letztere sind meist aus einer impulsiven Laune Reinharts heraus entstanden.

So machte er seinem Ärger über den 4th Earl of Bristol Luft, der zum einen für ihn gefertigte Bilder nicht bezahlte und zum andern den Künstler Reinhart in seinem Haus schlecht behandelt hatte. Neben einem saftigen Brief, in dem er seine Verachtung für Bristol niederschrieb, fertigte er auch eine Karikatur an. Die Karikatur zeigt den Lord und Bischof als „porco centauro“, halb Mensch halb Schwein, das Weinglas in der erhobenen Hand. Viele leere Flaschen liegen schon auf dem Boden und noch mehr volle hängen im Sattel. Der „alte Geck“, wie er ihn in seinem Brief betitelte, erscheint als ein den schönen Dingen des Lebens wohl nicht abgeneigter verfremdeter Bischof. Dieser Brief und auch die Zeichnung waren unter den Deutschrömern und in der feinen römischen Gesellschaft verbreitet und Johann Gottfried Seume, ein Reisender, der zu dieser Zeit in Rom weilte, fügte die Begebenheit in seinen Reisebericht ein. Er sorgte dafür, dass die Karikatur auch überregional wahrgenommen wurde. Seume war mit Reinhart gut bekannt, der für ihn auch eine Zeichnung für die Titelseite seines Reiseberichts „Spaziergang nach Syrakus“ anfertigte.

Die Karikatur kann in der Ausstellung als Kopie bewundert werden. Das Original befindet sich in der Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky in Hamburg. Einen kleinen Ausschnitt aus dem Brief und was Herr Seume sonst über den Lord und Reinhart zu berichten hat, gibt es als Audiostation.

Johann Christian Reinhart wollte mit seinen Karikaturen auf humorvolle Weise Kritik ausüben. Sie stellten den Zeitgeschmack auf eine ironische oder skeptische, wenn nicht sogar vorwurfsvolle Art dar. Reinhart wollte damit weniger das breite Publikum erheitern, sondern sich vielmehr über die meist verfremdeten Personen amüsieren. Er selbst rückte seine Karikaturen zu Lebzeiten nicht als Teil seines künstlerischen Schaffens in den Vordergrund, obwohl gerade das 19. Jahrhundert die Blütezeit der Karikatur war und er sicher damit auch weite Verbreitung hätte finden können.

Die Künstlerin Andrea Thema beim Aufbau der Feuerzungen, Foto Giselher Scheicher

Die Kunstinstallation Feuerzungen von Andrea Thema fließt aus dem Heilig-Geist-Loch des gotischen Gewölbes. Foto Giselher Scheicher

Installation Feuerzungen von Andrea Thema im Museum Kirche in Franken, Foto Lisa Baluschek

Feuerzungen im Chorraum der Spitalkirche im Museum Kirche in Franken, Foto Giselher Scheicher

Feuerzungen im Museum Kirche in Franken - Kunstinstallation zu Pfingsten von Andrea Thema

An Pfingsten präsentiert das Museum Kirche in Franken die Installation „Feuerzungen“ der Künstlerin Andrea Thema im Museum Kirche in Franken. Das textile Kunstwerk wurde 2019 eigens für die Spitalkirche zum Heiligen Geist in Bad Windsheim geschaffen.

Aus der sogenannten Heilig-Geist-Öffnung im Chorgewölbe der spätmittelalterlichen Hallenkirche ergießen sich zwölf in leuchtendem Rot gehaltene, sternförmig angeordnete Stoffbahnen in den Kirchenraum hinab. In Verbindung mit dem natürlichen Lichteinfall durch die Chorfenster beginnt ein leuchtendes Spiel. Die Installation setzt die im biblischen Bericht der Apostelgeschichte (Apostelgeschichte 2, 1-4) geschilderte Metapher der tänzelnden Feuerzungen in eine ansprechende raumgreifende künstlerische Arbeit um.

Liturgische Inszenierungen mit dem „Heilig-Geist-Loch“, die auf das Pfingstgeschehen hinweisen, haben eine lange Tradition. Diesen alten Brauch hat die Künstlerin wieder aufgenommen und das Pfingstwunder in moderner Formensprache dargestellt.

Zur Kunstinstallation ist eine Broschüre im Verlag des Fränkischen Freilandmuseums erschienen: Raschzok, Klaus / Thurnwald Andrea K.: Feuerzungen. Eine Installation von Andrea Thema im Museum Kirche in Franken, Bad Windsheim 2019.

Hier sind die beiden Hälften der Schraubmedaille aus versilbertem Kupfer zu sehen. Links ist eine Exulantenfamilie mit Vater, Mutter und Kind mit Wanderstöcken dargestellt. Über sie wacht auf einer Wolke Jesus. Die rechte Hälfte zeigt rechts den preußischen König, wie er einige Exulanten begrüßt.

Dargestellt ist hier links eine Exulantenfamilie, über sie wacht Jesus auf einer Wolke. Auf dem Spruchband darüber steht: „Gehe aus deinem Vatterland und von deiner Freundschafft“. Die andere Hälfte zeigt rechts den preußischen König, wie er die Exulanten empfängt. Das Spruchband lautet: "Die Könige sollen deine Pfleger seyn. Esaie 4.9"

Auf die Innenseiten der Schraubmedaille sind Miniatur-Karten vom Erzbistum Salzburg (links) und von Litauen (rechts) geklebt worden.

Links die Karte des Erzbistums Salzburg und rechts eine Karte von Litauen. Der Zeichner verwechselte hier Litauen mit Ostpreußen, dessen nordöstlicher Grenzbereich – das Kerngebiet für die Wiederansiedlung der Exulanten – auch Preußisch-Litauen genannt wurde.

17 kolorierte runde Kupferstiche auf Papier. Ursprünglich mit Stegen verbunden ergaben sie aufgeklappt einen Kreis mit einem Kreuz in der Mitte. Beginnend mit dem obersten Bild in der Mitte ergibt sich so, von links nach rechts gelesen, die Geschichte der Salzburger Exulanten.

17 kolorierte Kupferstiche auf Papier. Ursprünglich mit Stegen verbunden ergaben sie aufgeklappt einen Kreis mit einem Kreuz in der Mitte. Beginnend mit dem obersten Bild in der Mitte ergibt sich so, von links nach rechts gelesen, die Geschichte der Salzburger Exulanten.

Schraubmedaillen – Zusammengefaltete Glaubensgeschichte

Sorgfältig aufbewahrt in einer Schublade findet sich im Museum Kirche in Franken in der Spitalkirche ein kleiner silberner Schatz. Der Wert des Stückes übertrifft bei weitem den Materialwert des versilberten Kupfers. Schon die gegossenen Motive auf der Vorder- und Rückseite geben Hinweise auf den historisch wertvollen Inhalt.

Zwischen den zusammengeschraubten Deckeln enthielt das flache Döschen viele zusammengefaltete kleine Bildchen – einen ganzen Bilderzyklus. Dieser erzählt die Geschichte der Salzburger Exulanten, der Glaubensflüchtlinge, die 1731/32 ihre österreichische Heimat verlassen mussten und sich auf Einladung des preußischen Königs in Ostpreußen niederließen.

Schon Anfang des 17. Jahrhunderts waren aus den habsburgischen Landen viele Protestanten ausgewiesen worden. Zunächst traf es wohlhabende evangelische Bürger und Adelige, dann folgten die Geistlichen und Lehrer. Schließlich dehnte der katholische Kaiser die Ausweisung auf alle evangelischen Bewohner aus. In der ersten großen Vertreibungswelle mussten viele all ihr Hab und Gut und teilweise auch ihre Kinder zurücklassen und wanderten völlig verarmt in die Fremde aus. Häufig ließen sie sich in den protestantisch geprägten Gebieten Frankens nieder und trugen dort wesentlich zum Wiederaufbau nach den Zerstörungen durch den 30jährigen Krieg bei. In einer zweiten großen Auswanderungswelle vertrieb der Salzburger Erzbischof erneut tausende Personen aus Österreich. Obwohl sich diese „Salzburger Exulanten“ vor allem in Ostpreußen, den Niederlanden und Amerika niederließen, führte sie ihr Weg auch durch die bayerischen und fränkischen Gebiete.

Eine Station auf dem Weg der Auswanderer war die Stadt Augsburg. So kamen sie wohl auch dem geschäftstüchtigen Silberdrechsler Abraham Remshard I. in den Blick. Er entwarf 1732 zum 200jährigen Jubiläum der Augsburger Konfession die Schraubmedaille mit Motiven der Salzburger Exulanten. Schnell ahmten andere Geschäftsleute diese Idee nach, und so haben sich bis heute verschiedene Schraubmedaillen in ovaler, dann waren die Deckel mit einem Scharnier verbunden, und runder Form erhalten.

Die Vorderseite unserer Medaille zeigt eine Salzburger Exulantenfamilie, über die Jesus von einer Wolke aus wacht - „Gehe aus deinem Vatterland und von deiner Freundschafft“, lautet die Inschrift. Die Rückseite stellt König Friedrich Wilhelm I. mit zwei Begleitern dar, der die Exulanten in Ostpreußen begrüßt. Auf den Innenseiten sind Landkarten eingeklebt. Auf der einen wird das Erzbistum Salzburg gezeigt, auf der anderen sieht man das Herzogtum Litauen. (Der Zeichner verwechselte hier Litauen mit Ostpreußen, dessen nordöstlicher Grenzbereich – das Kerngebiet für die Wiederansiedlung – auch Preußisch-Litauen genannt wurde.)

Die aufregende Geschichte der Glaubensflüchtlinge wird auf 17 kleinen, ehemals durch Stege verbundenen, handkolorierten Kupferstichen auf Papier dargestellt. Jeweils unter einem Spruchband mit Bibelzitat werden alt- und neutestamentliche Vorbilder der Salzburger Exulanten vorgestellt, sowie wichtige Begebenheiten aus der Reformationsgeschichte und verschiedene Schikanen, unter denen die Protestanten zu leiden hatten. Einkerkerung, Zurücklassen der Kinder und Bücherverbrennung kontrastieren hier mit dem segensreichen Empfang in Augsburg.

So verbirgt sich in einem unscheinbaren Kleinod ein ganz großes Kapitel über die unmittelbaren Folgen der Reformation und des 30jährigen Krieges. Vielleicht können Sie bei Ihrem nächsten Besuch im Museum Kirche in Franken diesen Schatz auch entdecken.